Erstes Kapitel

Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fuenfzigsten Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem Fruehlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kontinent monatelang eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von seiner Wohnung in der Prinz-Regentenstrasse zu Muenchen aus, allein einen weiteren Spaziergang unternommen. Ueberreizt von der schwierigen und gefaehrlichen, eben jetzt eine hoechste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden, hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden Triebwerks in seinem Innern, jenem “motus animi continuus”, worin nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit seiner Kraefte, einmal untertags so noetig war. So hatte er bald nach dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, dass Luft und Bewegung ihn wieder herstellen und ihm zu einem erspriesslichen Abend verhelfen wuerden.

Es war Anfang Mai und, nach nasskalten Wochen, ein falscher Hochsommer eingefallen. Der Englische Garten, obgleich nur erst zart belaubt, war dumpfig wie im August und in der Naehe der Stadt voller Wagen und Spaziergaenger gewesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere Wege ihn gefuehrt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstuemlich belebten Wirtsgarten ueberblickt, an dessen Rande einige Droschken und Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg ausserhalb des Parks ueber die offene Flur genommen und erwartete, da er sich muede fuehlte und ueber Foehring Gewitter drohte, am Noerdlichen Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurueckbringen sollte. Zufaellig fand er den Halteplatz und seine Umgebung von Menschen leer. Weder auf der gepflasterten Ungererstrasse, deren Schienengeleise sich einsam gleissend gegen Schwabing erstreckten, noch auf der Foehringer Chaussee war ein Fuhrwerk zu sehen; hinter den Zaeunen der Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze, Gedaechtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Graeberfeld bilden, regte sich nichts, und das byzantinische Bauwerk der Aussegnungshalle gegenueber lag schweigend im Abglanz des scheidenden Tages. Ihre Stirnseite, mit griechischen Kreuzen und hieratischen Schildereien in lichten Farben geschmueckt, weist ueberdies symmetrisch angeordnete Inschriften in Goldlettern auf, ausgewaehlte, das jenseitige Leben betreffende Schriftworte wie etwa: “Sie gehen ein in die Wohnung Gottes” oder: “Das ewige Licht leuchte ihnen”; und der Wartende hatte waehrend einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen Traeumereien zurueckkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann bemerkte, dessen nicht ganz gewoehnliche Erscheinung seinen Gedanken eine voellig andere Richtung gab.

Ob er nun aus dem Innern der Halle durch das bronzene Tor hervorgetreten oder von aussen unversehens heran und hinauf gelangt war, blieb ungewiss. Aschenbach, ohne sich sonderlich in die Frage zu vertiefen, neigte zur ersteren Annahme. Maessig hochgewachsen, mager, bartlos und auffallend stumpfnaesig, gehoerte der Mann zum rothaarigen Typ und besass dessen milchige und sommersprossige Haut. Offenbar war er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem Aussehen ein Gepraege des Fremdlaendischen und Weitherkommenden verlieh. Freilich trug er dazu den landesueblichen Rucksack um die Schultern geschnallt, einen gelblichen Gurtanzug aus Lodenstoff, wie es schien, einen grauen Wetterkragen ueber dem linken Unterarm, den er in die Weiche gestuetzt hielt, und in der Rechten einen mit eiserner Spitze versehenen Stock, welchen er schraeg gegen den Boden stemmte und auf dessen Kruecke er, bei gekreuzten Fuessen, die Huefte lehnte. Erhobenen Hauptes, so dass an seinem hager dem losen Sporthemd entwachsenden Halse der Adamsapfel stark und nackt hervortrat, blickte er mit farblosen, rot bewimperten Augen, zwischen denen, sonderbar genug zu seiner kurz aufgeworfenen Nase passend, zwei senkrechte, energische Furchen standen, scharf spaehend ins Weite. So – und vielleicht trug sein erhoehter und erhoehender Standort zu diesem Eindruck bei – hatte seine Haltung etwas herrisch Ueberschauendes, Kuehnes oder selbst Wildes; denn sei es, dass er, geblendet, gegen die untergehende Sonne grimassierte oder dass es sich um eine dauernde physiognomische Entstellung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren voellig von den Zaehnen zurueckgezogen, dergestalt, dass diese, bis zum Zahnfleisch blossgelegt, weiss und lang dazwischen hervorbleckten.

Wohl moeglich, dass Aschenbach es bei seiner halb zerstreuten, halb inquisitiven Musterung des Fremden an Ruecksicht hatte fehlen lassen; denn ploetzlich ward er gewahr, dass jener seinen Blick erwiderte und zwar so kriegerisch, so gerade ins Auge hinein, so offenkundig gesonnen, die Sache aufs Aeusserste zu treiben und den Blick des andern zum Abzug zu zwingen, dass Aschenbach, peinlich beruehrt, sich abwandte und einen Gang die Zaeune entlang begann, mit dem beilaeufigen Entschluss, des Menschen nicht weiter achtzuhaben. Er hatte ihn in der naechsten Minute vergessen. Mochte nun aber das Wandererhafte in der Erscheinung des Fremden auf seine Einbildungskraft gewirkt haben oder sonst irgendein physischer oder seelischer Einfluss im Spiele sein: eine seltsame Ausweitung seines Innern ward ihm ganz ueberraschend bewusst, eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges Verlangen in die Ferne, ein Gefuehl, so lebhaft, so neu oder doch so laengst entwoehnt und verlernt, dass er, die Haende auf dem Ruecken und den Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, um die Empfindung auf Wesen und Ziel zu pruefen. Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft als Anfall auftretend und ins Leidenschaftliche, ja bis zur Sinnestaeuschung gesteigert. Er sah naemlich, als Beispiel gleichsam fuer alle Wunder und Schrecken der mannigfaltigen Erde, die seine Begierde sich auf einmal vorzustellen trachtete,– sah wie mit leiblichem Auge eine ungeheuere Landschaft, ein tropisches Sumpfgebiet unter dickdunstigem Himmel, feucht, ueppig und ungesund, eine von Menschen gemiedene Urweltwildnis aus Inseln, Moraesten und Schlamm fuehrenden Wasserarmen. Die flachen Eilande, deren Boden mit Blaettern, so dick wie Haende, mit riesigen Farnen, mit fettem, gequollenem und abenteuerlich bluehendem Pflanzenwerk ueberwuchert war, sandten haarige Palmenschaefte empor, und wunderlich ungestalte Baeume, deren Wurzeln dem Stamm entwuchsen und sich durch die Luft in den Boden, ins Wasser senkten, bildeten verworrene Waldungen. Auf der stockenden, gruenschattig spiegelnden Flut schwammen, wie Schuesseln gross, milchweisse Blumen; Voegel von fremder Art, hochschultrig, mit unfoermigen Schnaebeln, standen auf hohen Beinen im Seichten und blickten unbeweglich zur Seite, waehrend durch ausgedehnte Schilffelder ein klapperndes Wetzen und Rauschen ging, wie durch Heere von Geharnischten; dem Schauenden war es, als hauchte der laue, mephitische Odem dieser geilen und untauglichen Oede ihn an, die in einem ungeheuerlichen Zustande von Werden oder Vergehen zu schweben schien, zwischen den knotigen Rohrstaemmen eines Bambusdickichts glaubte er einen Augenblick die phosphoreszierenden Lichter des Tigers funkeln zu sehen–und fuehlte sein Herz pochen vor Entsetzen und raetselhaftem Verlangen. Dann wich das Gesicht; und mit einem Kopfschuetteln nahm Aschenbach seine Promenade an den Zaeunen der Grabsteinmetzereien wieder auf.

Er hatte, zum mindesten seit ihm die Mittel zu Gebote gewesen waeren, die Vorteile des Weltverkehrs beliebig zu geniessen, das Reisen nicht anders denn als eine hygienische Massregel betrachtet, die gegen Sinn und Neigung dann und wann hatte getroffen werden muessen. Zu beschaeftigt mit den Aufgaben, welche sein Ich und die europaeische Seele ihm stellten, zu belastet von der Verpflichtung zur Produktion, der Zerstreuung zu abgeneigt, um zum Liebhaber der bunten Aussenwelt zu taugen, hatte er sich durchaus mit der Anschauung begnuegt, die heute jedermann, ohne sich weit aus seinem Kreise zu ruehren, von der Oberflaeche der Erde gewinnen kann, und war niemals auch nur versucht gewesen, Europa zu verlassen. Zumal seit sein Leben sich langsam neigte, seit seine Kuenstlerfurcht, nicht fertig zu werden,– diese Besorgnis, die Uhr moechte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan und voellig sich selbst gegeben, nicht mehr als blosse Grille von der Hand zu weisen war, hatte sein aeusseres Dasein sich fast ausschliesslich auf die schoene Stadt, die ihm zur Heimat geworden, und auf den rauhen Landsitz beschraenkt, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die regnerischen Sommer verbrachte.

Auch wurde denn, was ihn da eben so spaet und ploetzlich angewandelt, sehr bald durch Vernunft und von jung auf geuebte Selbstzucht gemaessigt und richtig gestellt. Er hatte beabsichtigt, das Werk, fuer welches er lebte, bis zu einem gewissen Punkte zu foerdern, bevor er aufs Land uebersiedelte, und der Gedanke einer Weltbummelei, die ihn auf Monate seiner Arbeit entfuehren wuerde, schien allzu locker und planwidrig, er durfte nicht ernstlich in Frage kommen. Und doch wusste er nur zu wohl, aus welchem Grunde die Anfechtung so unversehens hervorgegangen war. Fluchtdrang war sie, dass er es sich eingestand, diese Sehnsucht ins Ferne und Neue, diese Begierde nach Befreiung, Entbuerdung und Vergessen,– der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagsstaette eines starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes. Zwar liebte er ihn und liebte auch fast schon den entnervenden, sich taeglich erneuernden Kampf zwischen seinem zaehen und stolzen, so oft erprobten Willen und dieser wachsenden Muedigkeit, von der niemand wissen und die das Produkt auf keine Weise, durch kein Anzeichen des Versagens und der Lassheit verraten durfte. Aber verstaendig schien es, den Bogen nicht zu ueberspannen und ein so lebhaft ausbrechendes Beduerfnis nicht eigensinnig zu ersticken. Er dachte an seine Arbeit, dachte an die Stelle, an der er sie auch heute wieder, wie gestern schon, hatte verlassen muessen und die weder geduldiger Pflege noch einem raschen Handstreich sich fuegen zu wollen schien. Er pruefte sie aufs neue, versuchte die Hemmung zu durchbrechen oder aufzuloesen und liess mit einem Schauder des Widerwillens vom Angriff ab. Hier bot sich keine ausserordentliche Schwierigkeit, sondern was ihn laehmte, waren die Skrupeln der Unlust, die sich als eine durch nichts mehr zu befriedigende Ungenuegsamkeit darstellte. Ungenuegsamkeit freilich hatte schon dem Juengling als Wesen und innerste Natur des Talentes gegolten, und um ihretwillen hatte er das Gefuehl gezuegelt und erkaeltet, weil er wusste, dass es geneigt ist, sich mit einem froehlichen Ungefaehr und mit einer halben Vollkommenheit zu begnuegen. Raechte sich nun also die geknechtete Empfindung, indem sie ihn verliess, indem sie seine Kunst fuerder zu tragen und zu befluegeln sich weigerte und alle Lust, alles Entzuecken an der Form und am Ausdruck mit sich hinwegnahm? Nicht, dass er Schlechtes herstellte: Dies wenigstens war der Vorteil seiner Jahre, dass er sich seiner Meisterschaft jeden Augenblick in Gelassenheit sicher fuehlte. Aber er selbst, waehrend die Nation sie ehrte, er ward ihrer nicht froh, und es schien ihm, als ermangle sein Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der Freude, mehr als irgend ein innerer Gehalt, ein gewichtigerer Vorzug, die Freude der geniessenden Welt bildeten. Er fuerchtete sich vor dem Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd, die ihm das Essen bereitete, und dem Diener, der es ihm auftrug; fuerchtete sich vor den vertrauten Angesichten der Berggipfel und-waende, die wiederum seine unzufriedene Langsamkeit umstehen wuerden. Und so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei, Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer ertraeglich und ergiebig werde. Reisen also,– er war es zufrieden. Nicht gar weit, nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im liebenswuerdigen Sueden…

So dachte er, waehrend der Laerm der elektrischen Tram die Ungererstrasse daher sich naeherte, und einsteigend beschloss er, diesen Abend dem Studium von Karte und Kursbuch zu widmen. Auf der Plattform fiel ihm ein, nach dem Manne im Basthut, dem Genossen dieses immerhin folgereichen Aufenthaltes, Umschau zu halten. Doch wurde ihm dessen Verbleib nicht deutlich, da er weder an seinem vorherigen Standort, noch auf dem weiteren Halteplatz, noch auch im Wagen ausfindig zu machen war.

Zweites Kapitel

Der Autor der klaren und maechtigen Prosa-Epopoee vom Leben Friedrichs von Preussen; der geduldige Kuenstler, der in langem Fleiss den figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee versammelnden Romanteppich, “Maja” mit Namen, wob; der Schoepfer jener starken Erzaehlung, die “Ein Elender” ueberschrieben ist und einer ganzen dankbaren Jugend die Moeglichkeit sittlicher Entschlossenheit jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der leidenschaftlichen Abhandlung ueber “Geist und Kunst”, deren ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement ueber naive und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines hoeheren Justizbeamten geboren. Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter, Verwaltungsfunktionaere gewesen, Maenner, die im Dienste des Koenigs, des Staates, ihr straffes, anstaendig karges Leben gefuehrt hatten. Innigere Geistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unter ihnen verkoerpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in der vorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter eines boehmischen Kapellmeisters, zugekommen. Von ihr stammten die Merkmale fremder Rasse in seinem Aeussern. Die Vermaehlung dienstlich nuechterner Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen liess einen Kuenstler und diesen besonderen Kuenstler erstehen. Da sein ganzes Wesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlich frueh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persoenlichen Praegnanz seines Tonfalls frueh fuer die Oeffentlichkeit reif und geschickt. Beinahe noch Gymnasiast, besass er einen Namen. Zehn Jahre spaeter hatte er gelernt, von seinem Schreibtische aus zu repraesentieren, seinen Ruhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein musste (denn viele Ansprueche draengen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswuerdigen ein), guetig und bedeutend zu sein. Der Vierziger hatte, ermattet von den Strapazen und Wechselfaellen der eigentlichen Arbeit, alltaeglich eine Post zu bewaeltigen, die Wertzeichen aus aller Herren Laendern trug.

Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talent geschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde, fordernde Teilnahme der Waehlerischen zugleich zu gewinnen. So, schon als Juengling von allen Seiten auf die Leistung – und zwar die ausserordentliche – verpflichtet, hatte er niemals den Muessiggang, niemals die Fahrlaessigkeit der Jugend gekannt. Als er um sein fuenfunddreissigstes Jahr in Wien erkrankte, aeusserte ein feiner Beobachter ueber ihn in Gesellschaft: “Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so gelebt”–und der Sprecher schloss die Finger seiner Linken fest zur Faust–; “niemals so”–und er liess die geoeffnete Hand bequem von der Lehne des Sessels haengen. Das traf zu; und das Tapfer-Sittliche daran war, dass seine Natur von nichts weniger als robuster Verfassung und zur staendigen Anspannung nur berufen, nicht eigentlich geboren war.

Aerztliche Fuersorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossen und auf haeuslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaft war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen muessen, dass er einem Geschlecht angehoerte, in dem nicht das Talent, wohl aber die physische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seiner Erfuellung bedarf,– einem Geschlechte, das frueh sein Bestes zu geben pflegt und in dem das Koennen es selten zu Jahren bringt. Aber sein Lieblingswort war “Durchhalten”,– er sah in seinem Friedrich-Roman nichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als der Inbegriffleitend-taetiger Tugend erschien. Auch wuenschte er sehnlichst, alt zu werden, denn er hatte von jeher dafuer gehalten, dass wahrhaft gross, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Kuenstlertum zu nennen sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen charakteristisch fruchtbar zu sein.

Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er hoechlich der Zucht,– und Zucht war ja zum Gluecke sein eingeborenes Erbteil von vaeterlicher Seite. Mit vierzig, mit fuenfzig Jahren wie schon in einem Alter, wo andere verschwenden, schwaermen, die Ausfuehrung grosser Plaene getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stuerzen kalten Wassers ueber Brust und Ruecken und brachte dann, ein Paar hoher Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Haeupten des Manuskripts, die Kraefte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbruenstig gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar. Es war verzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seiner Moralitaet, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen, in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, fuer das Erzeugnis gedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, waehrend sie vielmehr in kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Groesse emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punkte vortrefflich waren, weil ihr Schoepfer mit einer Willensdauer und Zaehigkeit, derjenigen aehnlich, die seine Heimatprovinz eroberte, jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehalten und an die eigentliche Herstellung ausschliesslich seine staerksten und wuerdigsten Stunden gewandt hatte.

Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und tiefe Wirkung zu ueben vermoege, muss eine tiefe Verwandtschaft, ja Uebereinstimmung zwischen dem persoenlichen Schicksal seines Urhebers und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. Die Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weit entfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzuege daran zu entdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber der eigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwaegbares, ist Sympathie. Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar ausgesprochen, dass beinahe alles Grosse, was dastehe, als ein Trotzdem dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Koerperschwaeche, Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei. Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war geradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schluessel zu seinem Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die aeussere Gebaerde seiner eigentuemlichsten Figuren war?

Ueber den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte schon fruehzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: dass er die Konzeption “einer intellektuellen und juenglinghaften Maennlichkeit” sei, “die in stolzer Scham die Zaehne aufeinanderbeisst und ruhig dasteht, waehrend ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen”. Das war schoen, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzu passivischen Praegung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schoenste Sinnbild, wenn nicht der Kunst ueberhaupt, so doch gewiss der in Rede stehenden Kunst. Blickte man hinein in diese erzaehlte Welt, sah man die elegante Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eine innere Unterhoehlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Welt verbirgt; die gelbe, sinnlich benachteiligte Haesslichkeit, die es vermag, ihre schwelende Brunst zur reinen Flamme zu entfachen, ja, sich zur Herrschaft im Reiche der Schoenheit aufzuschwingen; die bleiche Ohnmacht, welche aus den gluehenden Tiefen des Geistes die Kraft holt, ein ganzes uebermuetiges Volk zu Fuessen des Kreuzes, zu ihren Fuessen niederzuwerfen; die liebenswuerdige Haltung im leeren und strengen Dienste der Form; das falsche, gefaehrliche Leben, die rasch entnervende Sehnsucht und Kunst des gebornen Betruegers: betrachtete man all dies Schicksal und wieviel gleichartiges noch, so konnte man zweifeln, ob es ueberhaupt einen anderen Heroismus gaebe, als denjenigen der Schwaeche. Welches Heldentum aber jedenfalls waere zeitgemaesser als dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande der Erschoepfung arbeiten, der Ueberbuerdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmaechtig von Wuchs und sproede von Mitteln, durch Willensverzueckung und kluge Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Groesse abgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Und sie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sich bestaetigt, erhoben, besungen darin, sie wussten ihm Dank, sie verkuendeten seinen Namen.

Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von ihr, war er oeffentlich gestrauchelt, hatte Missgriffe getan, sich blossgestellt, Verstoesse gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort und Werk. Aber er hatte die Wuerde gewonnen, nach welcher, wie er behauptete, jedem grossen Talente ein natuerlicher Drang und Stachel eingeboren ist, ja, man kann sagen, dass seine ganze Entwicklung ein bewusster und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie zuruecklassender Aufstieg zur Wuerde gewesen war.

Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet das Ergoetzen der buergerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Juengling. Er hatte dem Geiste gefroent, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben, Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent verdaechtigt, die Kunst verraten,– ja, waehrend seine Bildwerke die glaeubig Geniessenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der jugendliche Kuenstler, die Zwanzigjaehrigen durch seine Zynismen ueber das fragwuerdige Wesen der Kunst, des Kuenstlertums selbst in Atem gehalten.

Aber es scheint, dass gegen nichts ein edler und tuechtiger Geist sich rascher, sich gruendlicher abstumpft als gegen den scharfen und bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiss ist, dass die schwermuetig gewissenhafteste Gruendlichkeit des Juenglings Seichtheit bedeutet im Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes, das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darueber hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefuehl und selbst die Leidenschaft im Geringsten zu laehmen, zu entmutigen, zu entwuerdigen geeignet ist. Wie waere die beruehmte Erzaehlung vom “Elenden” wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen den unanstaendigen Psychologismus der Zeit, verkoerpert in der Figur jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit, aus ethischer Velleitaet, in die Arme eines Unbaertigen treibt und aus Tiefe Nichtswuerdigkeiten begehen zu duerfen glaubt? Die Wucht des Wortes, mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkuendete die Abkehr von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund, die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, dass alles verstehen alles verzeihen heisse, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog, war jenes “Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit”, auf welches ein wenig spaeter in einem der Dialoge des Autors ausdruecklich und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam. Seltsame Zusammenhaenge! War es eine geistige Folge dieser “Wiedergeburt”, dieser neuen Wuerde und Strenge, dass man um dieselbe Zeit ein fast uebermaessiges Erstarken seines Schoenheitssinnes beobachtete, jene adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmaessigkeit der Formgebung, welche seinen Produkten fortan ein so sinnfaelliges, ja gewolltes Gepraege der Meisterlichkeit und Klassizitaet verlieh? Aber moralische Entschlossenheit jenseits des Wissens, der aufloesenden und hemmenden Erkenntnis,– bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine sittliche Vereinfaeltigung der Welt und der Seele und also auch ein Erstarken zum Boesen, Verbotenen, zum sittlich Unmoeglichen? Und hat Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich zugleich,– sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische Gleichgueltigkeit in sich schliesst, ja, wesentlich bestrebt ist, das Moralische unter ihr stolzes und unumschraenktes Szepter zu beugen?

Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem Massenzutrauen einer weiten Oeffentlichkeit begleitet wird, als jene, die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes vollzieht? Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu spotten geneigt, wenn ein grosses Talent dem libertinischen Puppenstande entwaechst, die Wuerde des Geistes ausdrucksvoll wahrzunehmen sich gewoehnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt, die voll unberatener, hart selbstaendiger Leiden und Kaempfe war und es zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte. Wieviel Spiel, Trotz, Genuss ist uebrigens in der Selbstgestaltung des Talentes! Etwas Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs Vorfuehrungen ein, sein Stil entriet in spaeteren Jahren der unmittelbaren Kuehnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er wandelte sich ins Mustergueltig-Feststehende, Geschliffen-Herkoemmliche, Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Ueberlieferung es von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, dass die Unterrichtsbehoerde ausgewaehlte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen Schullesebuecher uebernahm. Es war ihm innerlich gemaess, und er lehnte nicht ab, als ein deutscher Fuerst, soeben zum Throne gelangt, dem Dichter des “Friedrich” zu seinem fuenfzigsten Geburtstag den persoenlichen Adel verlieh.

Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und dort waehlte er fruehzeitig Muenchen zum dauernden Wohnsitz und lebte dort in buergerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen Einzelfaellen zuteil wird. Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter mit einem Maedchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer Gluecksfrist durch den Tod getrennt. Eine Tochter, schon Gattin, war ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen.

Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgroesse, bruenett, rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu gross im Verhaeltnis zu der fast zierlichen Gestalt. Sein rueckwaerts gebuerstetes Haar, am Scheitel gelichtet, an den Schlaefen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine hohe, zerklueftete und gleichsam narbige Stirn. Der Buegel einer Goldbrille mit randlosen Glaesern schnitt in die Wurzel der gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war gross, oft schlaff, oft ploetzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. Bedeutende Schicksale schienen ueber dies meist leidend seitwaerts geneigte Haupt hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier jene physiognomische Durchbildung uebernommen hatte, welche sonst das Werk eines schweren, bewegten Lebens ist. Hinter dieser Stirn waren die blitzenden Repliken des Gespraechs zwischen Voltaire und dem Koenige ueber den Krieg geboren; diese Augen, muede und tief durch die Glaeser blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjaehrigen Krieges gesehen. Auch persoenlich genommen ist ja die Kunst ein erhoehtes Leben. Sie beglueckt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie graebt in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginaerer und geistiger Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei kloesterlicher Stille des aeusseren Daseins, auf die Dauer eine Verwoehntheit, Ueberfeinerung, Muedigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster Leidenschaften und Genuesse sie kaum hervorzubringen vermag.