The Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann

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Title: Der Tod in Venedig

Author: Thomas Mann

Release Date: April 22, 2004 [EBook Language: German

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Thomas Mann

Der Tod in Venedig

Die Texte folgen den Ausgaben:

Der Tod in Venedig< aus

Muenchen, Hyperionverlag Hans von Weber 1912

Erstes Kapitel

Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fuenfzigsten Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem Fruehlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kontinent monatelang eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von seiner Wohnung in der Prinz-Regentenstrasse zu Muenchen aus, allein einen weiteren Spaziergang unternommen. Ueberreizt von der schwierigen und gefaehrlichen, eben jetzt eine hoechste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden, hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden Triebwerks in seinem Innern, jenem "motus animi continuus", worin nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit seiner Kraefte, einmal untertags so noetig war. So hatte er bald nach dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, dass Luft und Bewegung ihn wieder herstellen und ihm zu einem erspriesslichen Abend verhelfen wuerden.

Es war Anfang Mai und, nach nasskalten Wochen, ein falscher Hochsommer eingefallen. Der Englische Garten, obgleich nur erst zart belaubt, war dumpfig wie im August und in der Naehe der Stadt voller Wagen und Spaziergaenger gewesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere Wege ihn gefuehrt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstuemlich belebten Wirtsgarten ueberblickt, an dessen Rande einige Droschken und Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg ausserhalb des Parks ueber die offene Flur genommen und erwartete, da er sich muede fuehlte und ueber Foehring Gewitter drohte, am Noerdlichen Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurueckbringen sollte. Zufaellig fand er den Halteplatz und seine Umgebung von Menschen leer. Weder auf der gepflasterten Ungererstrasse, deren Schienengeleise sich einsam gleissend gegen Schwabing erstreckten, noch auf der Foehringer Chaussee war ein Fuhrwerk zu sehen; hinter den Zaeunen der Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze, Gedaechtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Graeberfeld bilden, regte sich nichts, und das byzantinische Bauwerk der Aussegnungshalle gegenueber lag schweigend im Abglanz des scheidenden Tages. Ihre Stirnseite, mit griechischen Kreuzen und hieratischen Schildereien in lichten Farben geschmueckt, weist ueberdies symmetrisch angeordnete Inschriften in Goldlettern auf, ausgewaehlte, das jenseitige Leben betreffende Schriftworte wie etwa: "Sie gehen ein in die Wohnung Gottes" oder: "Das ewige Licht leuchte ihnen"; und der Wartende hatte waehrend einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen Traeumereien zurueckkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann bemerkte, dessen nicht ganz gewoehnliche Erscheinung seinen Gedanken eine voellig andere Richtung gab.

Ob er nun aus dem Innern der Halle durch das bronzene Tor hervorgetreten oder von aussen unversehens heran und hinauf gelangt war, blieb ungewiss. Aschenbach, ohne sich sonderlich in die Frage zu vertiefen, neigte zur ersteren Annahme. Maessig hochgewachsen, mager, bartlos und auffallend stumpfnaesig, gehoerte der Mann zum rothaarigen Typ und besass dessen milchige und sommersprossige Haut. Offenbar war er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem Aussehen ein Gepraege des Fremdlaendischen und Weitherkommenden verlieh. Freilich trug er dazu den landesueblichen Rucksack um die Schultern geschnallt, einen gelblichen Gurtanzug aus Lodenstoff, wie es schien, einen grauen Wetterkragen ueber dem linken Unterarm, den er in die Weiche gestuetzt hielt, und in der Rechten einen mit eiserner Spitze versehenen Stock, welchen er schraeg gegen den Boden stemmte und auf dessen Kruecke er, bei gekreuzten Fuessen, die Huefte lehnte. Erhobenen Hauptes, so dass an seinem hager dem losen Sporthemd entwachsenden Halse der Adamsapfel stark und nackt hervortrat, blickte er mit farblosen, rot bewimperten Augen, zwischen denen, sonderbar genug zu seiner kurz aufgeworfenen Nase passend, zwei senkrechte, energische Furchen standen, scharf spaehend ins Weite. So--und vielleicht trug sein erhoehter und erhoehender Standort zu diesem Eindruck bei--hatte seine Haltung etwas herrisch Ueberschauendes, Kuehnes oder selbst Wildes; denn sei es, dass er, geblendet, gegen die untergehende Sonne grimassierte oder dass es sich um eine dauernde physiognomische Entstellung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren voellig von den Zaehnen zurueckgezogen, dergestalt, dass diese, bis zum Zahnfleisch blossgelegt, weiss und lang dazwischen hervorbleckten.

Wohl moeglich, dass Aschenbach es bei seiner halb zerstreuten, halb inquisitiven Musterung des Fremden an Ruecksicht hatte fehlen lassen; denn ploetzlich ward er gewahr, dass jener seinen Blick erwiderte und zwar so kriegerisch, so gerade ins Auge hinein, so offenkundig gesonnen, die Sache aufs Aeusserste zu treiben und den Blick des andern zum Abzug zu zwingen, dass Aschenbach, peinlich beruehrt, sich abwandte und einen Gang die Zaeune entlang begann, mit dem beilaeufigen Entschluss, des Menschen nicht weiter achtzuhaben. Er hatte ihn in der naechsten Minute vergessen. Mochte nun aber das Wandererhafte in der Erscheinung des Fremden auf seine Einbildungskraft gewirkt haben oder sonst irgendein physischer oder seelischer Einfluss im Spiele sein: eine seltsame Ausweitung seines Innern ward ihm ganz ueberraschend bewusst, eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges Verlangen in die Ferne, ein Gefuehl, so lebhaft, so neu oder doch so laengst entwoehnt und verlernt, dass er, die Haende auf dem Ruecken und den Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, um die Empfindung auf Wesen und Ziel zu pruefen. Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft als Anfall auftretend und ins Leidenschaftliche, ja bis zur Sinnestaeuschung gesteigert. Er sah naemlich, als Beispiel gleichsam fuer alle Wunder und Schrecken der mannigfaltigen Erde, die seine Begierde sich auf einmal vorzustellen trachtete,--sah wie mit leiblichem Auge eine ungeheuere Landschaft, ein tropisches Sumpfgebiet unter dickdunstigem Himmel, feucht, ueppig und ungesund, eine von Menschen gemiedene Urweltwildnis aus Inseln, Moraesten und Schlamm fuehrenden Wasserarmen. Die flachen Eilande, deren Boden mit Blaettern, so dick wie Haende, mit riesigen Farnen, mit fettem, gequollenem und abenteuerlich bluehendem Pflanzenwerk ueberwuchert war, sandten haarige Palmenschaefte empor, und wunderlich ungestalte Baeume, deren Wurzeln dem Stamm entwuchsen und sich durch die Luft in den Boden, ins Wasser senkten, bildeten verworrene Waldungen. Auf der stockenden, gruenschattig spiegelnden Flut schwammen, wie Schuesseln gross, milchweisse Blumen; Voegel von fremder Art, hochschultrig, mit unfoermigen Schnaebeln, standen auf hohen Beinen im Seichten und blickten unbeweglich zur Seite, waehrend durch ausgedehnte Schilffelder ein klapperndes Wetzen und Rauschen ging, wie durch Heere von Geharnischten; dem Schauenden war es, als hauchte der laue, mephitische Odem dieser geilen und untauglichen Oede ihn an, die in einem ungeheuerlichen Zustande von Werden oder Vergehen zu schweben schien, zwischen den knotigen Rohrstaemmen eines Bambusdickichts glaubte er einen Augenblick die phosphoreszierenden Lichter des Tigers funkeln zu sehen--und fuehlte sein Herz pochen vor Entsetzen und raetselhaftem Verlangen. Dann wich das Gesicht; und mit einem Kopfschuetteln nahm Aschenbach seine Promenade an den Zaeunen der Grabsteinmetzereien wieder auf.

Er hatte, zum mindesten seit ihm die Mittel zu Gebote gewesen waeren, die Vorteile des Weltverkehrs beliebig zu geniessen, das Reisen nicht anders denn als eine hygienische Massregel betrachtet, die gegen Sinn und Neigung dann und wann hatte getroffen werden muessen. Zu beschaeftigt mit den Aufgaben, welche sein Ich und die europaeische Seele ihm stellten, zu belastet von der Verpflichtung zur Produktion, der Zerstreuung zu abgeneigt, um zum Liebhaber der bunten Aussenwelt zu taugen, hatte er sich durchaus mit der Anschauung begnuegt, die heute jedermann, ohne sich weit aus seinem Kreise zu ruehren, von der Oberflaeche der Erde gewinnen kann, und war niemals auch nur versucht gewesen, Europa zu verlassen. Zumal seit sein Leben sich langsam neigte, seit seine Kuenstlerfurcht, nicht fertig zu werden,--diese Besorgnis, die Uhr moechte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan und voellig sich selbst gegeben, nicht mehr als blosse Grille von der Hand zu weisen war, hatte sein aeusseres Dasein sich fast ausschliesslich auf die schoene Stadt, die ihm zur Heimat geworden, und auf den rauhen Landsitz beschraenkt, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die regnerischen Sommer verbrachte.

Auch wurde denn, was ihn da eben so spaet und ploetzlich angewandelt, sehr bald durch Vernunft und von jung auf geuebte Selbstzucht gemaessigt und richtig gestellt. Er hatte beabsichtigt, das Werk, fuer welches er lebte, bis zu einem gewissen Punkte zu foerdern, bevor er aufs Land uebersiedelte, und der Gedanke einer Weltbummelei, die ihn auf Monate seiner Arbeit entfuehren wuerde, schien allzu locker und planwidrig, er durfte nicht ernstlich in Frage kommen. Und doch wusste er nur zu wohl, aus welchem Grunde die Anfechtung so unversehens hervorgegangen war. Fluchtdrang war sie, dass er es sich eingestand, diese Sehnsucht ins Ferne und Neue, diese Begierde nach Befreiung, Entbuerdung und Vergessen,--der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagsstaette eines starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes. Zwar liebte er ihn und liebte auch fast schon den entnervenden, sich taeglich erneuernden Kampf zwischen seinem zaehen und stolzen, so oft erprobten Willen und dieser wachsenden Muedigkeit, von der niemand wissen und die das Produkt auf keine Weise, durch kein Anzeichen des Versagens und der Lassheit verraten durfte. Aber verstaendig schien es, den Bogen nicht zu ueberspannen und ein so lebhaft ausbrechendes Beduerfnis nicht eigensinnig zu ersticken. Er dachte an seine Arbeit, dachte an die Stelle, an der er sie auch heute wieder, wie gestern schon, hatte verlassen muessen und die weder geduldiger Pflege noch einem raschen Handstreich sich fuegen zu wollen schien. Er pruefte sie aufs neue, versuchte die Hemmung zu durchbrechen oder aufzuloesen und liess mit einem Schauder des Widerwillens vom Angriff ab. Hier bot sich keine ausserordentliche Schwierigkeit, sondern was ihn laehmte, waren die Skrupeln der Unlust, die sich als eine durch nichts mehr zu befriedigende Ungenuegsamkeit darstellte. Ungenuegsamkeit freilich hatte schon dem Juengling als Wesen und innerste Natur des Talentes gegolten, und um ihretwillen hatte er das Gefuehl gezuegelt und erkaeltet, weil er wusste, dass es geneigt ist, sich mit einem froehlichen Ungefaehr und mit einer halben Vollkommenheit zu begnuegen. Raechte sich nun also die geknechtete Empfindung, indem sie ihn verliess, indem sie seine Kunst fuerder zu tragen und zu befluegeln sich weigerte und alle Lust, alles Entzuecken an der Form und am Ausdruck mit sich hinwegnahm? Nicht, dass er Schlechtes herstellte: Dies wenigstens war der Vorteil seiner Jahre, dass er sich seiner Meisterschaft jeden Augenblick in Gelassenheit sicher fuehlte. Aber er selbst, waehrend die Nation sie ehrte, er ward ihrer nicht froh, und es schien ihm, als ermangle sein Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der Freude, mehr als irgend ein innerer Gehalt, ein gewichtigerer Vorzug, die Freude der geniessenden Welt bildeten. Er fuerchtete sich vor dem Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd, die ihm das Essen bereitete, und dem Diener, der es ihm auftrug; fuerchtete sich vor den vertrauten Angesichten der Berggipfel und-waende, die wiederum seine unzufriedene Langsamkeit umstehen wuerden. Und so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei, Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer ertraeglich und ergiebig werde. Reisen also,--er war es zufrieden. Nicht gar weit, nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im liebenswuerdigen Sueden…

So dachte er, waehrend der Laerm der elektrischen Tram die Ungererstrasse daher sich naeherte, und einsteigend beschloss er, diesen Abend dem Studium von Karte und Kursbuch zu widmen. Auf der Plattform fiel ihm ein, nach dem Manne im Basthut, dem Genossen dieses immerhin folgereichen Aufenthaltes, Umschau zu halten. Doch wurde ihm dessen Verbleib nicht deutlich, da er weder an seinem vorherigen Standort, noch auf dem weiteren Halteplatz, noch auch im Wagen ausfindig zu machen war.

Zweites Kapitel

Der Autor der klaren und maechtigen Prosa-Epopoee vom Leben Friedrichs von Preussen; der geduldige Kuenstler, der in langem Fleiss den figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee versammelnden Romanteppich, "Maja" mit Namen, wob; der Schoepfer jener starken Erzaehlung, die "Ein Elender" ueberschrieben ist und einer ganzen dankbaren Jugend die Moeglichkeit sittlicher Entschlossenheit jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der leidenschaftlichen Abhandlung ueber "Geist und Kunst", deren ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement ueber naive und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines hoeheren Justizbeamten geboren. Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter, Verwaltungsfunktionaere gewesen, Maenner, die im Dienste des Koenigs, des Staates, ihr straffes, anstaendig karges Leben gefuehrt hatten. Innigere Geistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unter ihnen verkoerpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in der vorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter eines boehmischen Kapellmeisters, zugekommen. Von ihr stammten die Merkmale fremder Rasse in seinem Aeussern. Die Vermaehlung dienstlich nuechterner Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen liess einen Kuenstler und diesen besonderen Kuenstler erstehen. Da sein ganzes Wesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlich frueh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persoenlichen Praegnanz seines Tonfalls frueh fuer die Oeffentlichkeit reif und geschickt. Beinahe noch Gymnasiast, besass er einen Namen. Zehn Jahre spaeter hatte er gelernt, von seinem Schreibtische aus zu repraesentieren, seinen Ruhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein musste (denn viele Ansprueche draengen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswuerdigen ein), guetig und bedeutend zu sein. Der Vierziger hatte, ermattet von den Strapazen und Wechselfaellen der eigentlichen Arbeit, alltaeglich eine Post zu bewaeltigen, die Wertzeichen aus aller Herren Laendern trug.

Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talent geschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde, fordernde Teilnahme der Waehlerischen zugleich zu gewinnen. So, schon als Juengling von allen Seiten auf die Leistung--und zwar die ausserordentliche--verpflichtet, hatte er niemals den Muessiggang, niemals die Fahrlaessigkeit der Jugend gekannt. Als er um sein fuenfunddreissigstes Jahr in Wien erkrankte, aeusserte ein feiner Beobachter ueber ihn in Gesellschaft: "Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so gelebt"--und der Sprecher schloss die Finger seiner Linken fest zur Faust--; "niemals so"--und er liess die geoeffnete Hand bequem von der Lehne des Sessels haengen. Das traf zu; und das Tapfer-Sittliche daran war, dass seine Natur von nichts weniger als robuster Verfassung und zur staendigen Anspannung nur berufen, nicht eigentlich geboren war.

Aerztliche Fuersorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossen und auf haeuslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaft war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen muessen, dass er einem Geschlecht angehoerte, in dem nicht das Talent, wohl aber die physische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seiner Erfuellung bedarf,--einem Geschlechte, das frueh sein Bestes zu geben pflegt und in dem das Koennen es selten zu Jahren bringt. Aber sein Lieblingswort war "Durchhalten",--er sah in seinem Friedrich-Roman nichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als der Inbegriffleitend-taetiger Tugend erschien. Auch wuenschte er sehnlichst, alt zu werden, denn er hatte von jeher dafuer gehalten, dass wahrhaft gross, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Kuenstlertum zu nennen sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen charakteristisch fruchtbar zu sein.

Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er hoechlich der Zucht,--und Zucht war ja zum Gluecke sein eingeborenes Erbteil von vaeterlicher Seite. Mit vierzig, mit fuenfzig Jahren wie schon in einem Alter, wo andere verschwenden, schwaermen, die Ausfuehrung grosser Plaene getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stuerzen kalten Wassers ueber Brust und Ruecken und brachte dann, ein Paar hoher Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Haeupten des Manuskripts, die Kraefte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbruenstig gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar. Es war verzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seiner Moralitaet, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen, in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, fuer das Erzeugnis gedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, waehrend sie vielmehr in kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Groesse emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punkte vortrefflich waren, weil ihr Schoepfer mit einer Willensdauer und Zaehigkeit, derjenigen aehnlich, die seine Heimatprovinz eroberte, jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehalten und an die eigentliche Herstellung ausschliesslich seine staerksten und wuerdigsten Stunden gewandt hatte.

Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und tiefe Wirkung zu ueben vermoege, muss eine tiefe Verwandtschaft, ja Uebereinstimmung zwischen dem persoenlichen Schicksal seines Urhebers und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. Die Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weit entfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzuege daran zu entdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber der eigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwaegbares, ist Sympathie. Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar ausgesprochen, dass beinahe alles Grosse, was dastehe, als ein Trotzdem dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Koerperschwaeche, Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei. Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war geradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schluessel zu seinem Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die aeussere Gebaerde seiner eigentuemlichsten Figuren war?

Ueber den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte schon fruehzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: dass er die Konzeption "einer intellektuellen und juenglinghaften Maennlichkeit" sei, "die in stolzer Scham die Zaehne aufeinanderbeisst und ruhig dasteht, waehrend ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen". Das war schoen, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzu passivischen Praegung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schoenste Sinnbild, wenn nicht der Kunst ueberhaupt, so doch gewiss der in Rede stehenden Kunst. Blickte man hinein in diese erzaehlte Welt, sah man die elegante Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eine innere Unterhoehlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Welt verbirgt; die gelbe, sinnlich benachteiligte Haesslichkeit, die es vermag, ihre schwelende Brunst zur reinen Flamme zu entfachen, ja, sich zur Herrschaft im Reiche der Schoenheit aufzuschwingen; die bleiche Ohnmacht, welche aus den gluehenden Tiefen des Geistes die Kraft holt, ein ganzes uebermuetiges Volk zu Fuessen des Kreuzes, zu ihren Fuessen niederzuwerfen; die liebenswuerdige Haltung im leeren und strengen Dienste der Form; das falsche, gefaehrliche Leben, die rasch entnervende Sehnsucht und Kunst des gebornen Betruegers: betrachtete man all dies Schicksal und wieviel gleichartiges noch, so konnte man zweifeln, ob es ueberhaupt einen anderen Heroismus gaebe, als denjenigen der Schwaeche. Welches Heldentum aber jedenfalls waere zeitgemaesser als dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande der Erschoepfung arbeiten, der Ueberbuerdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmaechtig von Wuchs und sproede von Mitteln, durch Willensverzueckung und kluge Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Groesse abgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Und sie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sich bestaetigt, erhoben, besungen darin, sie wussten ihm Dank, sie verkuendeten seinen Namen.

Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von ihr, war er oeffentlich gestrauchelt, hatte Missgriffe getan, sich blossgestellt, Verstoesse gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort und Werk. Aber er hatte die Wuerde gewonnen, nach welcher, wie er behauptete, jedem grossen Talente ein natuerlicher Drang und Stachel eingeboren ist, ja, man kann sagen, dass seine ganze Entwicklung ein bewusster und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie zuruecklassender Aufstieg zur Wuerde gewesen war.

Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet das Ergoetzen der buergerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Juengling. Er hatte dem Geiste gefroent, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben, Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent verdaechtigt, die Kunst verraten,--ja, waehrend seine Bildwerke die glaeubig Geniessenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der jugendliche Kuenstler, die Zwanzigjaehrigen durch seine Zynismen ueber das fragwuerdige Wesen der Kunst, des Kuenstlertums selbst in Atem gehalten.

Aber es scheint, dass gegen nichts ein edler und tuechtiger Geist sich rascher, sich gruendlicher abstumpft als gegen den scharfen und bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiss ist, dass die schwermuetig gewissenhafteste Gruendlichkeit des Juenglings Seichtheit bedeutet im Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes, das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darueber hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefuehl und selbst die Leidenschaft im Geringsten zu laehmen, zu entmutigen, zu entwuerdigen geeignet ist. Wie waere die beruehmte Erzaehlung vom "Elenden" wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen den unanstaendigen Psychologismus der Zeit, verkoerpert in der Figur jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit, aus ethischer Velleitaet, in die Arme eines Unbaertigen treibt und aus Tiefe Nichtswuerdigkeiten begehen zu duerfen glaubt? Die Wucht des Wortes, mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkuendete die Abkehr von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund, die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, dass alles verstehen alles verzeihen heisse, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog, war jenes "Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit", auf welches ein wenig spaeter in einem der Dialoge des Autors ausdruecklich und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam. Seltsame Zusammenhaenge! War es eine geistige Folge dieser "Wiedergeburt", dieser neuen Wuerde und Strenge, dass man um dieselbe Zeit ein fast uebermaessiges Erstarken seines Schoenheitssinnes beobachtete, jene adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmaessigkeit der Formgebung, welche seinen Produkten fortan ein so sinnfaelliges, ja gewolltes Gepraege der Meisterlichkeit und Klassizitaet verlieh? Aber moralische Entschlossenheit jenseits des Wissens, der aufloesenden und hemmenden Erkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine sittliche Vereinfaeltigung der Welt und der Seele und also auch ein Erstarken zum Boesen, Verbotenen, zum sittlich Unmoeglichen? Und hat Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich zugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische Gleichgueltigkeit in sich schliesst, ja, wesentlich bestrebt ist, das Moralische unter ihr stolzes und unumschraenktes Szepter zu beugen?

Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem Massenzutrauen einer weiten Oeffentlichkeit begleitet wird, als jene, die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes vollzieht? Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu spotten geneigt, wenn ein grosses Talent dem libertinischen Puppenstande entwaechst, die Wuerde des Geistes ausdrucksvoll wahrzunehmen sich gewoehnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt, die voll unberatener, hart selbstaendiger Leiden und Kaempfe war und es zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte. Wieviel Spiel, Trotz, Genuss ist uebrigens in der Selbstgestaltung des Talentes! Etwas Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs Vorfuehrungen ein, sein Stil entriet in spaeteren Jahren der unmittelbaren Kuehnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er wandelte sich ins Mustergueltig-Feststehende, Geschliffen-Herkoemmliche, Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Ueberlieferung es von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, dass die Unterrichtsbehoerde ausgewaehlte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen Schullesebuecher uebernahm. Es war ihm innerlich gemaess, und er lehnte nicht ab, als ein deutscher Fuerst, soeben zum Throne gelangt, dem Dichter des "Friedrich" zu seinem fuenfzigsten Geburtstag den persoenlichen Adel verlieh.

Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und dort waehlte er fruehzeitig Muenchen zum dauernden Wohnsitz und lebte dort in buergerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen Einzelfaellen zuteil wird. Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter mit einem Maedchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer Gluecksfrist durch den Tod getrennt. Eine Tochter, schon Gattin, war ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen.

Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgroesse, bruenett, rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu gross im Verhaeltnis zu der fast zierlichen Gestalt. Sein rueckwaerts gebuerstetes Haar, am Scheitel gelichtet, an den Schlaefen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine hohe, zerklueftete und gleichsam narbige Stirn. Der Buegel einer Goldbrille mit randlosen Glaesern schnitt in die Wurzel der gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war gross, oft schlaff, oft ploetzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. Bedeutende Schicksale schienen ueber dies meist leidend seitwaerts geneigte Haupt hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier jene physiognomische Durchbildung uebernommen hatte, welche sonst das Werk eines schweren, bewegten Lebens ist. Hinter dieser Stirn waren die blitzenden Repliken des Gespraechs zwischen Voltaire und dem Koenige ueber den Krieg geboren; diese Augen, muede und tief durch die Glaeser blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjaehrigen Krieges gesehen. Auch persoenlich genommen ist ja die Kunst ein erhoehtes Leben. Sie beglueckt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie graebt in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginaerer und geistiger Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei kloesterlicher Stille des aeusseren Daseins, auf die Dauer eine Verwoehntheit, Ueberfeinerung, Muedigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster Leidenschaften und Genuesse sie kaum hervorzubringen vermag.

Drittes Kapitel

Mehrere Geschaefte weltlicher und literarischer Natur hielten den Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in Muenchen zurueck. Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig Stunden verweilte und sich am naechstfolgenden Morgen nach Pola einschiffte. Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose, welches jedoch rasch zu erreichen waere, und so nahm er Aufenthalt auf einer seit einigen Jahren geruehmten Insel der Adria, unfern der istrischen Kueste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten redendem Landvolk und schoen zerrissenen Klippenpartien dort, wo das Meer offen war. Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche, geschlossen oesterreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes ruhevoll innigen Verhaeltnisses zum Meere, das nur ein sanfter, sandiger Strand gewaehrt, verdrossen ihn, liessen ihn nicht das Bewusstsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und auf einmal, zugleich ueberraschend und selbstverstaendlich, stand ihm sein Ziel vor Augen. Wenn man ueber Nacht das Unvergleichliche, das maerchenhaft Abweichende zu erreichen wuenschte, wohin ging man? Aber das war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte er reisen wollen. Er saeumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kuendigen. Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein geschwindes Motorboot ihn und sein Gepaeck in dunstiger Fruehe ueber die Wasser in den Kriegshafen zurueck, und er ging dort nur an Land, um sogleich ueber einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag.

Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalitaet, veraltet, russig und duester. In einer hoehlenartigen, kuenstlich erleuchteten Koje des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender Hoeflichkeit genoetigt wurde, sass hinter einem Tische, den Hut schief in der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein ziegenbaertiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschaeftsgebaren die Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine ausstellte. "Nach Venedig!" wiederholte er Aschenbachs Ansuchen, indem er den Arm reckte und die Feder in den breiigen Restinhalt eines schraeg geneigten Tintenfasses stiess. "Nach Venedig erster Klasse! Sie sind bedient, mein Herr!" Und er schrieb grosse Kraehenfuesse, streute aus einer Buechse blauen Sand auf die Schrift, liess ihn in eine toenerne Schale ablaufen, faltete das Papier mit gelben und knochigen Fingern und schrieb aufs neue. "Ein gluecklich gewaehltes Reiseziel!" schwatzte er unterdessen. "Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von unwiderstehlicher Anziehungskraft fuer den Gebildeten, ihrer Geschichte sowohl wie ihrer gegenwaertigen Reize wegen!" Die glatte Raschheit seiner Bewegungen und das leere Gerede, womit er sie begleitete, hatten etwas Betaeubendes und Ablenkendes, etwa als besorgte er, der Reisende moechte in seinem Entschluss, nach Venedig zu fahren, noch wankend werden. Er kassierte eilig und liess mit Croupiergewandtheit den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen. "Gute Unterhaltung, mein Herr!" sagte er mit schauspielerischer Verbeugung. "Es ist mir eine Ehre, Sie zu befoerdern… Meine Herren!" rief er sogleich mit erhobenem Arm und tat, als sei das Geschaeft im flottesten Gange, obgleich niemand mehr da war, der nach Abfertigung verlangt haette. Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurueck.

Einen Arm auf die Bruestung gelehnt, betrachtete er das muessige Volk, das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die Passagiere an Bord. Diejenigen der zweiten Klasse kauerten, Maenner und Weiber, auf dem Vorderdeck, indem sie Kisten und Buendel als Sitze benutzten. Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des ersten Verdecks, Polenser Handelsgehuelfen, wie es schien, die sich in angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten. Sie machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen, schwatzten, lachten, genossen selbstgefaellig das eigene Gebaerdenspiel und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschaeften die Hafenstrasse entlang gingen und den Feiernden mit dem Stoeckchen drohten, ueber das Gelaender gebeugt, zungengelaeufige Spottreden nach. Einer, in hellgelbem, uebermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter Krawatte und kuehn aufgebogenem Panama, tat sich mit kraehender Stimme an Aufgeraeumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach ihn genauer ins Auge gefasst, als er mit einer Art von Entsetzen erkannte, dass der Juengling falsch war. Er war alt, man konnte nicht zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen Strohhut Peruecke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes Schnurrbaertchen und die Fliege am Kinn gefaerbt, sein gelbes und vollzaehliges Gebiss, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und seine Haende, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines Greises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wussten, bemerkten sie nicht, dass er alt war, dass er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug, zu Unrecht einen der Ihren spielte? Selbstverstaendlich und gewohnheitsmaessig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte, behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine neckischen Rippenstoesse. Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine Stirn mit der Hand und schloss die Augen, die heiss waren, da er zu wenig geschlafen hatte. Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz gewoehnlich an, als beginne eine traeumerische Entfremdung, eine Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht Einhalt zu tun waere, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und aufs neue um sich schaute. In diesem Augenblick jedoch beruehrte ihn das Gefuehl des Schwimmens, und mit unvernuenftigem Erschrecken aufsehend, gewahrte er, dass der schwere und duestere Koerper des Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer loeste. Zollweise, unter dem Vorwaerts-und Rueckwaertsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand, und nach schwerfaelligen Manoevern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet dem offenen Meere zu. Aschenbach ging nach der Steuerbordseite hinueber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte.

Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren zurueckgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen Gesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen von Naesse, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte. Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen begann.

In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schosse, ruhte der Reisende, und die Stunden verrannen ihm unversehens. Es hatte zu regnen aufgehoert; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die ungeheure Scheibe des oeden Meeres; aber im leeren, ungegliederten Raume fehlt unserem Sinn auch das Mass der Zeit, und wir daemmern im Ungemessenen. Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebaerden, mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er schlief ein.

Um Mittag noetigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen Speisesaal, auf den die Tueren der Schlafkojen muendeten, zu Haeupten eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehuelfen, einschliesslich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitaen pokulierten, die bestellte Mahlzeit naehme. Sie war armselig, und er beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen: ob er denn nicht ueber Venedig sich erhellen wollte.

Er hatte nicht anders gedacht, als dass dies geschehen muesse, denn stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer blieben trueb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu erreichen, als er, zu Lande sich naehernd, je angetroffen hatte. Er stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er gedachte des schwermuetig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die Kuppeln und Glockentuerme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an Ehrfurcht, Glueck und Trauer zu massvollem Gesange geworden, und von schon gestalteter Empfindung muehelos bewegt, pruefte er sein ernstes und muedes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein spaetes Abenteuer des Gefuehles dem fahrenden Muessiggaenger vielleicht noch vorbehalten sein koenne.

Da tauchte zur Rechten die flache Kueste auf, Fischerboote belebten das Meer, die Baederinsel erschien, der Dampfer liess sie zur Linken, glitt verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt er ganz, da die Barke des Sanitaetsdienstes erwartet werden musste.

Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es nicht; man hatte keine Eile und fuehlte sich doch von Ungeduld getrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von den militaerischen Hornsignalen, die aus der Gegend der oeffentlichen Gaerten her ueber das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drueben exerzierenden Bersaglieri aus. Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend gebracht hatte. Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die jugendlich ruestigen Stand zu halten vermocht, er war klaeglich betrunken. Verbloedeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden Fingern, schwankte er, muehsam das Gleichgewicht haltend, auf der Stelle, vom Rausche vorwaerts und rueckwaerts gezogen. Da er beim ersten Schritte gefallen waere, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte er einen jammervollen Uebermut, hielt jeden, der sich ihm naeherte, am Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten, runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Aschenbach sah ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefuehl von Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu entstellen; ein Gefuehl, dem nachzuhaengen freilich die Umstaende ihn abhielten, da eben die stampfende Taetigkeit der Maschine aufs neue begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch den Kanal von San Marco wieder aufnahm. So sah er ihn denn wieder, den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfuerchtigen Blicken nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des Palastes und die Seufzerbruecke, die Saeulen mit Loew' und Heiligem am Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Maerchentempels, den Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, dass zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine Hintertuer betreten heisse, und dass man nicht anders als wie nun er, als zu Schiffe, als ueber das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Staedte erreichen sollte.

Die Maschine stoppte, Gondeln draengten herzu, die Fallreepstreppe ward herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen. Aschenbach gab zu verstehen, dass er eine Gondel wuensche, die ihn und sein Gepaeck zur Station jener kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen. Man billigt sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserflaeche hinab, wo die Gondelfuehrer im Dialekt mit einander zanken. Er ist noch gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit Muehsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird. So sieht er sich minutenlang ausserstande, den Zudringlichkeiten des schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. "Wir wuenschen den gluecklichsten Aufenthalt", meckert er unter Kratzfuessen. "Man empfiehlt sich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer Exzellenz!" Sein Mund waessert, er drueckt die Augen ein, er leckt die Mundwinkel, und die gefaerbte Bartfliege an seiner Greisenlippe straeubt sich empor. "Unsere Komplimente", lallt er, zwei Fingerspitzen am Munde, "unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem schoensten Liebchen…" Und ploetzlich faellt ihm das falsche Obergebiss vom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen. "Dem Liebchen, dem feinen Liebchen", hoerte er in girrenden, hohlen und behinderten Lauten in seinem Ruecken, waehrend er, am Strickgelaender sich haltend, die Fallreepstreppe hinabklomm.

Wer haette nicht einen fluechtigen Schauder, eine geheime Scheu und Beklommenheit zu bekaempfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach langer Entwoehnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Das seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unveraendert ueberkommen und so eigentuemlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Saerge sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in plaetschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre und duesteres Begaengnis und letzte, schweigsame Fahrt. Und hat man bemerkt, dass der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, ueppigste, der erschlaffendste Sitz von der Welt ist? Aschenbach ward es gewahr, als er zu Fuessen des Gondoliers, seinem Gepaeck gegenueber, das am Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte. Die Ruderer zankten immer noch, rauh, unverstaendlich, mit drohenden Gebaerden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkoerpern, ueber der Flut zu zerstreuen. Es war warm hier im Hafen. Lau angeruehrt vom Hauch des Scirocco, auf dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloss der Reisende die Augen im Genuss einer so ungewohnten als suessen Laessigkeit. Die Fahrt wird kurz sein, dachte er; moechte sie immer waehren! In leisem Schwanken fuehlte er sich dem Gedraenge, dem Stimmengewirr entgleiten.

Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das Plaetschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze hellebardenartig bewehrt ueber dem Wasser stand und noch ein Drittes, ein Reden, ein Raunen,--das Fluestern des Gondoliers, der zwischen den Zaehnen, stossweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepresst waren, zu sich selber sprach. Aschenbach blickte auf, und mit leichter Befremdung gewahrte er, dass um ihn her die Lagune sich weitete und seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war. Es schien folglich, dass er nicht allzu sehr ruhen duerfe, sondern auf den Vollzug seines Willens ein wenig bedacht sein muesse.

--Zur Dampferstation also! sagte er mit einer halben Wendung rueckwaerts. Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort.

--Zur Dampferstation also! wiederholte er, indem er sich vollends umwandte und in das Gesicht des Gondoliers emporblickte, der hinter ihm, auf erhoehtem Borde stehend, vor dem fahlen Himmel aufragte. Es war ein Mann von ungefaelliger, ja brutaler Physiognomie, seemaennisch blau gekleidet, mit einer gelben Schaerpe geguertet und einen formlosen Strohhut, dessen Geflecht sich aufzuloesen begann, verwegen schief auf dem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart unter der kurz aufgeworfenen Nase liessen ihn durchaus nicht italienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmaechtig von Leibesbeschaffenheit, so dass man ihn fuer seinen Beruf nicht sonderlich geschickt geglaubt haette, fuehrte er das Ruder, bei jedem Schlage den ganzen Koerper einsetzend, mit grosser Energie. Ein paarmal zog er vor Anstrengung die Lippen zurueck und entbloesste seine weissen Zaehne. Die roetlichen Brauen gerunzelt, blickte er ueber den Gast hinweg, indem er bestimmten, fast groben Tones erwiderte:

--Sie fahren zum Lido.

Aschenbach entgegnete:

--Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San Marco uebersetzen zu lassen. Ich wuensche den Vaporetto zu benutzen.

--Sie koennen den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr.

--Und warum nicht?

--Weil der Vaporetto kein Gepaeck befoerdert.

Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die schroffe, ueberhebliche, einem Fremden gegenueber so wenig landesuebliche Art des Menschen schien unleidlich. Er sagte:

--Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepaeck in Verwahrung geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plaetscherte, das Wasser schlug dumpf an den Bug. Und das Reden und Raunen begann wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zaehnen mit sich selbst.

Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmaessigen, unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel, seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er uebrigens ruhen durfte, wenn er sich nicht empoerte. Hatte er nicht gewuenscht, dass die Fahrt lange, dass sie immer dauern moege? Es war das Kluegste, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und es war hauptsaechlich hoechst angenehm. Ein Bann der Traegheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen, schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlaegen des eigenmaechtigen Gondoliers in seinem Ruecken. Die Vorstellung, einem Verbrecher in die Haende gefallen zu sein, streifte traeumerisch Aschenbachs Sinn,--unvermoegend, seine Gedanken zu taetiger Abwehr aufzurufen. Verdriesslicher schien die Moeglichkeit, dass alles auf simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefuehl oder Stolz, die Erinnerung gleichsam, dass man dem vorbeugen muesse, vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen. Er fragte:

--Was fordern Sie fuer die Fahrt?

Und ueber ihn hinsehend antwortete der Gondolier:

--Sie werden bezahlen.

Es stand fest, was hierauf zurueckzugeben war. Aschenbach sagte mechanisch:

--Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren, wohin ich nicht will.

--Sie wollen zum Lido.

--Aber nicht mit Ihnen.

--Ich fahre Sie gut.

Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du faehrst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast und mich hinterruecks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides schickst, wirst du mich gut gefahren haben. Allein nichts dergleichen geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit musikalischen Wegelagerern, Maennern und Weibern, die zur Guitarre, zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren und die Stille ueber den Wassern mit ihrer gewinnsuechtigen Fremdenpoesie erfuellten. Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Fluestern des Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stossweise und abgerissen mit sich selber sprach.

So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt fahrenden Dampfers. Zwei Munizipalbeamte, die Haende auf dem Ruecken, die Gesichter der Lagune zugewandt, gingen am Ufer auf und ab. Aschenbach verliess am Stege die Gondel, unterstuetzt von jenem Alten, der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelle ist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinueber in das der Dampferbruecke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und den Ruderer nach Gutduenken abzulohnen. Er wird in der Halle bedient, er kehrt zurueck, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, und Gondel und Gondolier sind verschwunden.

--Er hat sich fortgemacht, sagte der Alte mit dem Enterhaken. Ein schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnaediger Herr. Er ist der einzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern haben hierher telephoniert. Er sah, dass er erwartet wurde. Da hat er sich fortgemacht.

Aschenbach zuckte die Achseln.

--Der Herr ist umsonst gefahren, sagte der Alte und hielt den Hut hin. Aschenbach warf Muenzen hinein. Er gab Weisung, sein Gepaeck ins Baeder-Hotel zu bringen, und folgte dem Karren durch die Allee, die weissbluehende Allee, welche, Tavernen, Bazare, Pensionen zu beiden Seiten, quer ueber die Insel zum Strande laeuft.

Er betrat das weitlaeufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus und begab sich durch die grosse Halle und die Vorhalle ins Office. Da er angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverstaendnis empfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd hoeflicher Mann mit schwarzem Schnurrbart und in franzoesisch geschnittenem Gehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wies ihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz moeblierten Raum, den man mit starkduftenden Blumen geschmueckt hatte und dessen hohe Fenster die Aussicht aufs offene Meer gewaehrten. Er trat an eines davon, nachdem der Angestellte sich zurueckgezogen, und waehrend man hinter ihm sein Gepaeck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte, blickte er hinaus auf den nachmittaeglich menschenarmen Strand und die unbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen in ruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte.

Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleich verschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seine Gedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug von Traurigkeit. Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einem Lachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun waeren, beschaeftigen ihn ueber Gebuehr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam, Erlebnis, Abenteuer, Gefuehl. Einsamkeit zeitigt das Originale, das gewagt und befremdend Schoene, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aber auch das Verkehrte, das Unverhaeltnismaessige, das Absurde und Unerlaubte.--So beunruhigten die Erscheinungen der Herreise, der graessliche alte Stutzer mit seinem Gefasel vom Liebchen, der verpoente,

um seinen Lohn geprellte Gondolier, noch jetzt das Gemuet des
Reisenden. Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohne
eigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennoch
grundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend

wohl eben durch diesen Widerspruch. Dazwischen gruesste er das Meer mit den Augen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zu wissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen das Zimmermaedchen einige Anordnungen zur Vervollstaendigung seiner Bequemlichkeit und liess sich von dem gruen gekleideten Schweizer, der den Lift bediente, ins Erdgeschoss hinunterfahren.

Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und verfolgte den Promenaden-Quai eine gute Strecke in der Richtung auf das Hotel Excelsior. Als er zurueckkehrte, schien es schon an der Zeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau, nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewoehnt war, und fand sich trotzdem ein wenig verfrueht in der Halle ein, wo er einen grossen Teil der Hotelgaeste, fremd untereinander und in gespielter gegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartung des Essens, versammelt fand. Er nahm eine Zeitung vom Tische, liess sich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, die sich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmen Weise unterschied.

Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf. Gedaempft, vermischten sich die Laute der grossen Sprachen. Der weltgueltige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, fasste aeusserlich die Spielarten des Menschlichen zu anstaendiger Einheit zusammen. Man sah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrige russische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit franzoesischen Bonnen. Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in der Naehe ward polnisch gesprochen.

Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei junge Maedchen, fuenfzehn-bis siebzehnjaehrig, wie es schien, und ein langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schoen war. Sein Antlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und goettlichem Ernst, erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war es von so einmalig-persoenlichem Reiz, dass der Schauende weder in Natur noch bildender Kunst etwas aehnlich Gegluecktes angetroffen zu haben glaubte. Was ferner auffiel, war ein offenbar grundsaetzlicher Kontrast zwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen die Geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen. Die Herrichtung der drei Maedchen, von denen die Aelteste fuer erwachsen gelten konnte, war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmaessig kloesterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nuechtern und gewollt unkleidsam von Schnitt, mit weissen Fallkraegen als einziger Aufhellung, unterdrueckte und verhinderte jede Gefaelligkeit der Gestalt. Das glatt und fest an den Kopf geklebte Haar liess die Gesichter nonnenhaft leer und nichtssagend erscheinen. Gewiss, es war eine Mutter, die hier waltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben die paedagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Maedchen gegenueber geboten schien. Weichheit und Zaertlichkeit bestimmten ersichtlich seine Existenz. Man hatte sich gehuetet, die Scheere an sein schoenes Haar zu legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, ueber die Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostuem, dessen bauschige Aermel sich nach unten verengerten und die feinen Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Haende knapp umspannten, verlieh mit seinen Schnueren, Maschen und Stickereien der zarten Gestalt etwas Reiches und Verwoehntes. Er sass, im Halbprofil gegen den Betrachtenden, einen Fuss im schwarzen Lackschuh vor den andern gestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsessels gestuetzt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer Haltung von laessigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewoehnt schienen. War er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiss wie Elfenbein gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er einfach ein verzaerteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem Kuenstlernaturell ist ein ueppiger und verraeterischer Hang eingeboren, Schoenheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.

Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, dass die Mahlzeit bereit sei. Allmaehlich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastuer in den Speisesaal. Nachzuegler, vom Vestibuel, von den Lifts kommend, gingen vorueber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber die jungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, in tiefem Sessel behaglich aufgehoben und uebrigens das Schoene vor Augen, wartete mit ihnen.

Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem Gesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben. Mit hochgezogenen Brauen schob sie ihren Stuhl zurueck und verneigte sich, als eine grosse Frau, grau-weiss gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmueckt, die Halle betrat. Die Haltung dieser Frau war kuehl und gemessen, die Anordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihres Kleides von jener Einfachheit, die ueberall da den Geschmack bestimmt, wo Froemmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt. Sie haette die Frau eines hohen deutschen Beamten sein koennen. Etwas von phantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihren Schmuck, der in der Tat kaum schaetzbar war und aus Ohrgehaengen, sowie einer dreifachen, sehr langen Kette kirschengrosser, mild schimmernder Perlen bestand.

Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Kuss ueber die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurueckhaltenden Laecheln ihres gepflegten, doch etwas mueden und spitznaesigen Gesichtes ueber ihre Koepfe hinwegblickte und einige Worte in franzoesischer Sprache an die Erzieherin richtete. Dann schritt sie zur Glastuer. Die Geschwister folgten ihr: die Maedchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnen die Gouvernante, zuletzt der Knabe. Aus irgend einem Grunde wandte er sich um, bevor er die Schwelle ueberschritt, und da niemand sonst mehr in der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentuemlich daemmergrauen Augen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, in Anschauung versunken, der Gruppe nachblickte.

Was er gesehen, war gewiss in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Man war nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet, sie ehrerbietig begruesst und beim Eintritt in den Saal gebraeuchliche Formen beobachtet. Allein das alles hatte sich so ausdruecklich, mit einem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtung dargestellt, dass Aschenbach sich sonderbar ergriffen fuehlte. Er zoegerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in den Speisesaal hinueber und liess sich sein Tischchen anweisen, das, wie er mit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von dem der polnischen Familie entfernt war.

Muede und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich waehrend der langwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sann nach ueber die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmaessige mit dem Individuellen eingehen muesse, damit menschliche Schoenheit entstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und der Kunst und fand am Ende, dass seine Gedanken und Funde gewissen scheinbar gluecklichen Einfluesterungen des Traumes glichen, die sich bei ernuechtertem Sinn als vollstaendig schal und untauglich erweisen. Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in dem abendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte die Nacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlich belebtem Schlaf.

Das Wetter liess sich am folgenden Tage nicht guenstiger an. Landwind ging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe, verschrumpft gleichsam, mit nuechtern nahem Horizont und so weit vom Strande zurueckgetreten, dass es mehrere Reihen langer Sandbaenke freiliess. Als Aschenbach sein Fenster oeffnete, glaubte er den fauligen Geruch der Lagune zu spueren.

Verstimmung befiel ihn. Schon in diesem Augenblick dachte er an Abreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Fruehlingswochen hier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwer geschaedigt, dass er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen muessen. Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druck in den Schlaefen, die Schwere der Augenlider sich ein? Noch einmal den Aufenthalt zu wechseln wuerde laestig sein; wenn aber der Wind nicht umschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheit nicht voellig aus. Um neun Uhr fruehstueckte er in dem hierfuer vorbehaltenen Buefettzimmer zwischen Halle und Speisesaal.

In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz der grossen Hotels gehoert. Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlen umher. Ein Klappern des Teegeraetes, ein halbgefluestertes Wort war alles, was man vernahm. In einem Winkel, schraeg gegenueber der Tuer und zwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischen Maedchen mit ihrer Erzieherin. Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neu geglaettet und mit geroeteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidern mit kleinen weissen Fallkraegen und Manschetten sassen sie da und reichten einander ein Glas mit Eingemachtem. Sie waren mit ihrem Fruehstueck fast fertig. Der Knabe fehlte.

Aschenbach laechelte. Nun kleiner Phaeake! dachte er. Du scheinst vor diesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu geniessen. Und ploetzlich aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers:

"Oft veraenderten Schmuck und warme Baeder und Ruhe."

Er fruehstueckte ohne Eile, empfing aus der Hand des Portiers, der mit gezogener Tressenmuetze in den Saal kam, einige nachgesandte Post und oeffnete, eine Zigarette rauchend, ein paar Briefe. So geschah es, dass er dem Eintritt des Langschlaefers noch beiwohnte, den man dort drueben erwartete.

Er kam durch die Glastuer und ging in der Stille schraeg durch den Raum zum Tisch seiner Schwestern. Sein Gehen war sowohl in der Haltung des Oberkoerpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen des weissbeschuhten Fusses von ausserordentlicher Anmut, sehr leicht, zugleich zart und stolz und verschoent noch durch die kindliche Verschaemtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendung in den Saal, die Augen aufschlug und senkte. Laechelnd, mit einem halblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinen Platz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profil zuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak ueber die wahrhaft gottaehnliche Schoenheit des Menschenkindes. Der Knabe trug heute einen leichten Blusenanzug aus blau und weiss gestreiftem Waschstoff mit rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen weissen Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nicht einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte, ruhte die Bluete des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und ernsten Brauen, Schlaefen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt.

Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmaennisch kuehlen Billigung, in welche Kuenstler zuweilen einem Meisterwerk gegenueber ihr Entzuecken, ihre Hingerissenheit kleiden. Und weiter dachte er: Wahrhaftig, erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange du bleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten des Personals durch die Halle, die grosse Terrasse hinab und gerade aus ueber den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgaeste. Er liess sich von dem barfuessigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluse und Strohhut dort unten als Bademeister taetig zeigte, die gemietete Strandhuette zuweisen, liess Tisch und Sessel hinaus auf die sandig bretterne Plattform stellen und machte sich’s bequem in dem Liegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sand gezogen hatte.

Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich geniessender Kultur am Rande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je. Schon war die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern, bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschraenkt, auf den Sandbaenken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden sass, gab es spielende Bewegung und traeg hingestreckte Ruhe, Besuche und Geplauder, sorgfaeltige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die keck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoss. Vorn auf dem feuchten und festen Sande lustwandelten Einzelne in weissen Bademaenteln, in weiten, starkfarbigen Hemdgewaendern. Eine vielfaeltige Sandburg zur Rechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in den Farben aller Laender besteckt. Verkaeufer von Muscheln, Kuchen und Fruechten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Huetten, die quer zur Reihe der uebrigen und zum Meere standen und auf dieser Seite einen Abschluss des Strandes bildeten, kampierte eine russische Familie: Maenner mit Baerten und grossen Zaehnen, muerbe und traege Frauen, ein baltisches Fraeulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufen der Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmuetig-haessliche Kinder, eine alte Magd im Kopftuch und mit zaertlich unterwuerfigen Sklavenmanieren. Dankbar geniessend lebten sie dort, riefen unermuedlich die Namen der unfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst weniger italienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sie Zuckerwerk kauften, kuessten einander auf die Wangen und kuemmerten sich um keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft.

Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo waere es besser? Und die Haende im Schoss gefaltet, liess er seine Augen sich in den Weiten des Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen im eintoenigen Dunst der Raumeswueste. Er liebte das Meer aus tiefen Gruenden: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Kuenstlers, der von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen, seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verfuehrerischen Hange zum Ungegliederten, Masslosen, Ewigen, zum Nichts. Am Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das Vortreffliche mueht; und ist nicht das Nichts eine Form des Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere traeumte, ward ploetzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen Gestalt ueberschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten einholte und sammelte, da war es der schoene Knabe, der von links kommend vor ihm im Sande vorueberging. Er ging barfuss, zum Waten bereit, die schlanken Beine bis ueber die Knie entbloesst, langsam, aber so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz gewoehnt, und schaute sich nach den querstehenden Huetten um. Kaum aber hatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarer Eintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung sein Gesicht ueberzog. Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund ward emporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertes Zerren, dass die Wange zerriss, und seine Brauen waren so schwer gerunzelt, dass unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen und boese und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses fuehrten. Er blickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurueck, tat dann mit der Schulter eine heftig wegwerfende Bewegung und liess die Feinde im Ruecken.

Eine Art Zartgefuehl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham, veranlasste Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehen haette; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebt es, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zu machen. Er war aber erheitert und erschuettert zugleich, das heisst: beglueckt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmuetigste Stueck Leben,--er stellte das Goettlich-Nichtssagende in menschliche Beziehungen; er liess ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zur Augenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen; und er verlieh der ohnehin durch Schoenheit bedeutenden Gestalt des Halbwuechsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihn ueber seine Jahre ernst zu nehmen.

Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den um die Sandburg beschaeftigten Gespielen gruessend anzukuendigen suchte. Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu koennen, als zwei melodische Silben wie "Adgio" oder oefter noch "Adgiu" mit rufend gedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn in seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu.

Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit dem Fuellfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nach einer Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, die geniessenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durch gleichgueltige Taetigkeit zu versaeumen. Er warf das Schreibzeug beiseite, er kehrte zum Meere zurueck, und nicht lange, so wandte er, abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem an der Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben und Bleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun.

Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nicht zu verfehlen. Mit anderen beschaeftigt, eine alte Planke als Bruecke ueber den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mit dem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk. Es waren da mit ihm ungefaehr zehn Genossen, Knaben und Maedchen, von seinem Alter und einige juenger, die in Zungen, polnisch, franzoesisch und auch in Balkan-Idiomen durcheinander schwatzten. Aber sein Name war es, der am oeftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einer namentlich, Pole gleich ihm, ein staemmiger Bursche, der aehnlich wie "Jaschu" gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenem Guertelanzug, schien sein naechster Vasall und Freund. Sie gingen, als fuer diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strand entlang, und der, welcher "Jaschu" gerufen wurde, kuesste den Schoenen.

Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. "Dir aber rat ich Kritobulos", dachte er laechelnd, "geh ein Jahr auf Reisen! Denn soviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung." Und dann fruehstueckte er grosse, vollreife Erdbeeren, die er von einem Haendler erstand. Es war sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht des Himmels nicht zu durchdringen vermochte. Traegheit fesselte den Geist, indes die Sinne die ungeheure und betaeubende Unterhaltung der Meeresstille genossen. Zu erraten, zu erforschen, welcher Name es sei, der ungefaehr "Adgio" lautete, schien dem ernsten Mann eine angemessene, vollkommen ausfuellende Aufgabe und Beschaeftigung. Und mit Hilfe einiger polnischer Erinnerungen stellte er fest, dass "Tadzio" gemeint sein muesse, die Abkuerzung von "Tadeusz" und im Anrufe "Tadziu" lautend. Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte, weit draussen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus. Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach ihm von den Huetten, stiessen wiederum diesen Namen aus, der den Strand beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten, seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Suesses und Wildes hatte: "Tadziu, Tadziu!" Er gehorchte, er lief, das widerstrebende Wasser mit den Beinen zu Schaum schlagend, zurueckgeworfenen Kopfes durch die Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormaennlich hold und herb, mit triefenden Locken und schoen wie ein zarter Gott, herkommend aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann: Dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie Dichterkunde von anfaenglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von der Geburt der Goetter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf diesen in seinem Innern antoenenden Gesang; und abermals dachte er, dass es hier gut sei und dass er bleiben wolle.

Spaeter lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehuellt in sein weisses Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den Kopf auf den blossen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergass er fast niemals, dass jener dort lag und dass es ihn nur eine leichte Wendung des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswuerdige zu erblicken. Beinahe schien es ihm, als saesse er hier, um den Ruhenden zu behueten,--mit eigenen Angelegenheiten beschaeftigt und dabei doch in bestaendiger Wachsamkeit fuer das edle Menschenbild dort zur Rechten, nicht weit von ihm. Und eine vaeterliche Huld, die geruehrte Hinneigung dessen, der sich opfernd im Geiste das Schoene zeugt, zu dem, der die Schoenheit hat, erfuellte und bewegte sein Herz.

Nach Mittag verliess er den Strand, kehrte ins Hotel zurueck und liess sich hinauf vor sein Zimmer fahren. Er verweilte dort drinnen laengere Zeit vor dem Spiegel und betrachtete sein graues Haar, sein muedes und scharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm und daran, dass Viele ihn auf den Strassen kannten und ehrerbietig betrachteten, um seines sicher treffenden und mit Anmut gekroenten Wortes willen,--rief alle, aeusseren Erfolge seines Talentes auf, die ihm irgend einfallen wollten und gedachte sogar seiner Nobilitierung. Er begab sich dann zum Lunch hinab in den Saal und speiste an seinem Tischchen. Als er nach beendeter Mahlzeit den Lift bestieg, draengte junges Volk, das gleichfalls vom Fruehstueck kam, ihm nach in das schwebende Kaemmerchen, und auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahe bei Aschenbach, zum ersten Male so nah, dass dieser ihn nicht in bildmaessigem Abstand, sondern genau, mit den Einzelheiten seiner Menschlichkeit wahrnahm und erkannte. Der Knabe ward angeredet von irgend jemandem, und waehrend er mit unbeschreiblich lieblichem Laecheln antwortete, trat er schon wieder aus, im ersten Stockwerk, rueckwaerts, mit niedergeschlagenen Augen. Schoenheit macht schamhaft, dachte Aschenbach und bedachte sehr eindringlich, warum. Er hatte jedoch bemerkt, dass Tadzios Zaehne nicht recht erfreulich waren: etwas zackig und blass, ohne den Schmelz der Gesundheit und von eigentuemlich sproeder Durchsichtigkeit wie zuweilen bei Bleichsuechtigen. Er ist sehr zart, er ist kraenklich, dachte Aschenbach. Er wird wahrscheinlich nicht alt werden. Und er verzichtete darauf, sich Rechenschaft ueber ein Gefuehl der Genugtuung oder Beruhigung zu geben, das diesen Gedanken begleitete.

Er verbrachte zwei Stunden auf seinem Zimmer und fuhr am Nachmittag mit dem Vaporetto ueber die faulriechende Lagune nach Venedig. Er stieg aus bei San Marco, nahm den Tee auf dem Platze und trat dann, seiner hiesigen Tagesordnung gemaess, einen Spaziergang durch die Strassen an. Es war jedoch dieser Gang, der einen voelligen Umschwung seiner Stimmung, seiner Entschluesse herbeifuehrte.

Eine widerliche Schwuele lag in den Gassen, die Luft war so dick, dass die Gerueche, die aus Wohnungen, Laeden, Garkuechen quollen, Oeldunst, Wolken von Parfuem und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur langsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belaestigte den Spaziergaenger, statt ihn zu unterhalten. Je laenger er ging, desto quaelender bemaechtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiss brach ihm aus. Die Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das Blut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschaeftsgassen ueber Bruecken in die Gaenge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die ueblen Ausduenstungen der Kanaele verleideten das Atmen. Auf stillem Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Oertlichkeiten, die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend, trocknete er die Stirn und sah ein, dass er reisen muesse.

Zum zweitenmal und nun endgueltig war es erwiesen, dass diese Stadt bei dieser Witterung ihm hoechst schaedlich war. Eigensinniges Ausharren erschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windes ganz ungewiss. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hause zurueckzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier war bereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand, und anderwaerts fanden sie sich ohne die boese Zutat der Lagune und ihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nicht weit von Triest, das man ihm ruehmlich genannt hatte. Warum nicht dorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechsel sich noch lohne. Er erklaerte sich fuer entschlossen und stand auf. Am naechsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und liess sich durch das truebe Labyrinth der Kanaele, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die von Loewenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an trauernden Palastfassaden, die grosse Firmenschilder im Abfall schaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Muehe, dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken und Glasblaesereien im Bunde stand, versuchte ueberall, ihn zu Besichtigung und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig ihren Zauber zu ueben begann, so tat der beutelschneiderische Geschaeftsgeist der gesunkenen Koenigin das seine, den Sinn wieder verdriesslich zu ernuechtern.

Ins Hotel zurueckgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau die Erklaerung ab, dass unvorhergesehene Umstaende ihn noetigten, morgen frueh abzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speiste und verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einem Schaukelstuhl auf der rueckwaertigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging, machte er sein Gepaeck vollkommen zur Abreise fertig.

Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihn beunruhigte. Als er am Morgen die Fenster oeffnete, war der Himmel bezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begann auch schon seine Reue. War diese Kuendigung nicht ueberstuerzt und irrtuemlich, die Handlung eines kranken und unmassgeblichen Zustandes gewesen? Haette er sie ein wenig zurueckbehalten, haette er es, ohne so rasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an die venezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, so stand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleich dem gestrigen bevor. Zu spaet. Nun musste er fortfahren, zu wollen, was er gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zum Fruehstueck ins Erdgeschoss hinab.

Der Buefettraum war, als er eintrat, noch leer von Gaesten. Einzelne kamen, waehrend er sass und das Bestellte erwartete. Die Teetasse am Munde, sah er die polnischen Maedchen nebst ihrer Begleiterin sich einfinden; streng und morgenfrisch, mit geroeteten Augen schritten sie zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf naeherte sich ihm der Portier mit gezogener Muetze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobil stehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zu bringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal der Gesellschaft zum Bahnhof befoerdern werde. Die Zeit draenge. --Aschenbach fand, dass sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eine Stunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er aergerte sich an der Gasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen und bedeutete dem Portier, dass er in Ruhe zu fruehstuecken wuensche. Der Mann zog sich zoegernd zurueck, um nach fuenf Minuten wieder aufzutreten. Unmoeglich, dass der Wagen laenger warte. Dann moege er fahren und seinen Koffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zur gegebenen Zeit das oeffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorge um sein Fortkommen ihm selber zu ueberlassen. Der Angestellte verbeugte sich. Aschenbach, froh, die laestigen Mahnungen abgewehrt zu haben, beendete seinen Imbiss ohne Eile, ja liess sich sogar noch vom Kellner Tagesblaetter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als er aufstand. Es fuegte sich, dass im selben Augenblick Tadzio durch die Glastuer hereinkam.

Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden, schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augen nieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich und voll zu ihm aufzuschlagen und war vorueber. Adieu, Tadzio! dachte Aschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit das Gedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach, fuegte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilte Trinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im franzoesischen Gehrock verabschiedet und verliess das Hotel zu Fuss, wie er gekommen, um sich, gefolgt von dem Handgepaeck tragenden Hausdiener, durch die weiss bluehende Allee quer ueber die Insel zur Dampferbruecke zu begeben. Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eine Leidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue.

Es war die vertraute Fahrt ueber die Lagune, an San Marco vorbei, den grossen Kanal hinauf. Aschenbach sass auf der Rundbank am Buge, den Arm aufs Gelaender gestuetzt, mit der Hand die Augen beschattend. Die oeffentlichen Gaerten blieben zurueck, die Piazzetta eroeffnete sich noch einmal in fuerstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die grosse Flucht der Palaeste, und als die Wasserstrasse sich wendete, erschien des Rialto praechtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmende schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphaere der Stadt, diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn so sehr gedraengt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zaertlich schmerzlichen Zuegen. War es moeglich, dass er nicht gewusst, nicht bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgen ein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns gewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer Seelennot, so bitter, dass sie ihm mehrmals Traenen in die Augen trieb, und von der er sich sagte, dass er sie unmoeglich habe vorhersehen koennen. Was er als so schwer ertraeglich, ja, zuweilen als voellig unleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, dass er Venedig nie wieder sehen solle, dass dies ein Abschied fuer immer sei. Denn da sich zum zweiten Male gezeigt hatte, dass die Stadt ihn krank mache, da er sie zum zweiten Male jaeh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sie ja fortan als einen ihm unmoeglichen und verbotenen Aufenthalt zu betrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchen sinnlos gewesen waere. Ja, er empfand, dass, wenn er jetzt abreise, Scham und Trotz ihn hindern muessten, die geliebte Stadt je wieder zu sehen, der gegenueber er zweimal koerperlich versagt hatte; und dieser Streitfall zwischen seelischer Neigung und koerperlichem Vermoegen schien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physische Niederlage so schmaehlich, so um jeden Preis hintanzuhalten, dass er die leichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohne ernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte.

Unterdessen naehert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerz und Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise duenkt dem Gequaelten unmoeglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissen betritt er die Station. Es ist sehr spaet, er hat keinen Augenblick zu verlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will es nicht. Aber die Zeit draengt, sie geisselt ihn vorwaerts; er eilt, sich sein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nach dem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Mensch zeigt sich und meldet, der grosse Koffer sei aufgegeben. Schon aufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einem hastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antworten kommt zu Tage, dass der Koffer, schon im Gepaeckbefoerderungs-Amt des Hotels "Excelsior" zusammen mit anderer, fremder Bagage, in voellig falsche Richtung geleitet wurde.

Aschenbach hatte Muehe, die Miene zu bewahren, die unter diesen Umstaenden einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eine unglaubliche Heiterkeit erschuetterte von innen fast krampfhaft seine Brust. Der Angestellte stuerzte davon, um moeglicherweise den Koffer noch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteter Dinge zurueck. Da erklaerte denn Aschenbach, dass er ohne sein Gepaeck nicht zu reisen wuensche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffen des Stueckes im Baederhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob das Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte, es liege vor der Tuer. Er bestimmte in italienischer Suade den Schalterbeamten, den geloesten Fahrschein zurueckzunehmen, er schwor, dass depeschiert werden, dass nichts gespart und versaeumt werden solle, um den Koffer in Baelde zurueckzugewinnen, und--so fand das Seltsame statt, dass der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am Bahnhof, sich wieder im Grossen Kanal auf dem Rueckweg zum Lido sah.

Wunderlich unglaubhaftes, beschaemendes, komisch traumartiges Abenteuer: Staetten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied auf immer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurueckverschlagen, in derselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drollig behend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, schoss das kleine, eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter der Maske aergerlicher Resignation die aengstlich-uebermuetige Erregung eines entlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seine Brust bewegt von Lachen ueber dies Missgeschick, das, wie er sich sagte, ein Sonntagskind nicht gefaelliger haette heimsuchen koennen. Es waren Erklaerungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, so sagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglueck verhuetet, ein schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Ruecken zu lassen geglaubt hatte, eroeffnete sich ihm wieder, war auf beliebige Zeit wieder sein… Taeuschte ihn uebrigens die rasche Fahrt oder kam wirklich zum Ueberfluss der Wind nun dennoch vom Meere her?

Die Wellen schlugen gegen die betonierten Waende des schmalen Kanals, der durch die Insel zum Hotel "Excelsior" gelegt ist. Ein automobiler Omnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und fuehrte ihn oberhalb des gekraeuselten Meeres auf geradem Wege zum Baeder-Hotel. Der kleine schnurrbaertige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begruessung die Freitreppe herab.

Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn aeusserst peinlich fuer ihn und das Institut, billigte aber mit Ueberzeugung Aschenbachs Entschluss, das Gepaeckstueck hier zu erwarten. Freilich sei sein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleich zur Verfuegung. "Pas de chance, monsieur", sagte der schweizerische Liftfuehrer laechelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Fluechtling wieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage und Einrichtung fast vollkommen glich.

Ermuedet, betaeubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, liess er sich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, in einem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eine blassgruene Faerbung angenommen, die Luft schien duenner und reiner, der Strand mit seinen Huetten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Haende im Schoss gefaltet, zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschuettelnd unzufrieden ueber seinen Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wuensche. So sass er wohl eine Stunde, ruhend und gedankenlos traeumend. Um Mittag erblickte er Tadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meere her, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotel zurueckkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Hoehe sofort, bevor er ihn eigentlich ins Auge gefasst, und wollte etwas denken, wie: "Sieh, Tadzio, da bist ja auch du wieder!" Aber im gleichen Augenblick fuehlte er, wie der laessige Gruss vor der Wahrheit seines Herzens hinsank und verstummte,--fuehlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den Schmerz seiner Seele und erkannte, dass ihm um Tadzios willen der Abschied so schwer geworden war.

Er sass ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blickte in sich hinein. Seine Zuege waren erwacht, seine Brauen stiegen, ein aufmerksames, neugierig geistreiches Laecheln spannte seinen Mund. Dann hob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff ueber die Lehne des Sessels hinabhaengenden Armen eine langsam drehende und hebende Bewegung, die Handflaechen vorwaerts kehrend, so, als deute er ein Oeffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommen heissende, gelassen aufnehmende Gebaerde.

Viertes Kapitel

Nun lenkte Tag fuer Tag der Gott mit den hitzigen Wangen nackend sein gluthauchendes Viergespann durch die Raeume des Himmels und sein gelbes Gelock flatterte im zugleich ausstuermenden Ostwind. Weisslich seidiger Glanz lag auf den Weiten des traege wallenden Pontos. Der Sand gluehte. Unter der silbrig flirrenden Blaeue des Aethers waren rostfarbene Segeltuecher vor den Strandhuetten ausgespannt, und auf dem scharf umgrenzten Schattenfleck, den sie boten, verbrachte man die Vormittagsstunden. Aber koestlich war auch der Abend, wenn die Pflanzen des Parks balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren Reigen schritten und das Murmeln des umnachteten Meeres, leise heraufdringend, die Seele besprach. Solch ein Abend trug in sich die freudige Gewaehr eines neuen Sonnentages von leicht geordneter Musse und geschmueckt mit zahllosen, dicht beieinander liegenden Moeglichkeiten lieblichen Zufalls.

Der Gast, den ein so gefuegiges Missgeschick hier festgehalten, war weit entfernt, in der Rueckgewinnung seiner Habe einen Grund zu erneutem Aufbruch zu sehen. Er hatte zwei Tage lang einige Entbehrung dulden und zu den Mahlzeiten im grossen Speisesaal im Reiseanzug erscheinen muessen. Dann, als man endlich die verirrte Last wieder in seinem Zimmer niedersetzte, packte er gruendlich aus und fuellte Schrank und Schubfaecher mit dem Seinen, entschlossen zu vorlaeufig unabsehbarem Verweilen, vergnuegt, die Stunden des Strandes in seidenem Anzug verbringen und beim Diner sich wieder in schicklicher Abendtracht an seinem Tischchen zeigen zu koennen.

Der wohlige Gleichtakt dieses Daseins hatte ihn schon in seinen Bann gezogen, die weiche und glaenzende Milde dieser Lebensfuehrung ihn rasch berueckt. Welch ein Aufenthalt in der Tat, der die Reize eines gepflegten Badelebens an suedlichem Strande mit der traulich bereiten Naehe der wunderlich-wundersamen Stadt verbindet! Aschenbach liebte nicht den Genuss. Wann immer und wo es galt, zu feiern, der Ruhe zu pflegen, sich gute Tage zu machen, verlangte ihn bald--und namentlich in juengeren Jahren war dies so gewesen--mit Unruhe und Widerwillen zurueck in die hohe Muehsal, den heilig nuechternen Dienst seines Alltags. Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen, machte ihn gluecklich. Manchmal vormittags, unter dem Schattentuch seiner Huette, hintraeumend ueber die Blaeue des Suedmeers, oder bei lauer Nacht auch wohl, gelehnt in die Kissen der Gondel, die ihn vom Markusplatz, wo er sich lange verweilt, unter dem gross gestirnten Himmel heimwaerts zum Lido fuehrte--und die bunten Lichter, die schmelzenden Klaenge der Serenade blieben zurueck,--erinnerte er sich seines Landsitzes in den Bergen, der Staette seines sommerlichen Ringens, wo die Wolken tief durch den Garten zogen, fuerchterliche Gewitter am Abend das Licht des Hauses loeschten und die Raben, die er fuetterte, sich in den Wipfeln der Fichten schwangen. Dann schien es ihm wohl, als sei er entrueckt ins elysische Land, an die Grenzen der Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee ist und Winter noch Sturm und stroemender Regen, sondern immer sanft kuehlenden Anhauch Okeanos aufsteigen laesst und in seliger Musse die Tage verrinnen, muehelos, kampflos und ganz nur der Sonne und ihren Festen geweiht.

Viel, fast bestaendig sah Aschenbach den Knaben Tadzio; ein beschraenkter Raum, eine jedem gegebene Lebensordnung brachten es mit sich, dass der Schoene ihm tagueber mit kurzen Unterbrechungen nahe war. Er sah, er traf ihn ueberall: in den unteren Raeumen des Hotels, auf den kuehlenden Wasserfahrten zur Stadt und von dort zurueck, im Gepraenge des Platzes selbst und oft noch zwischenein auf Wegen und Stegen, wenn der Zufall ein Uebriges tat. Hauptsaechlich aber und mit der gluecklichsten Regelmaessigkeit bot ihm der Vormittag am Strande ausgedehnte Gelegenheit, der holden Erscheinung Andacht und Studium zu widmen. Ja, diese Gebundenheit des Glueckes, diese taeglich-gleichmaessig wieder anbrechende Gunst der Umstaende war es so recht, was ihn mit Zufriedenheit und Lebensfreude erfuellte, was ihm den Aufenthalt teuer machte und einen Sonnentag so gefaellig hinhaltend sich an den anderen reihen liess.

Er war frueh auf, wie sonst wohl bei pochendem Arbeitsdrange, und vor den meisten am Strand, wenn die Sonne noch milde war und das Meer weiss blendend in Morgentraeumen lag. Er gruesste menschenfreundlich den Waechter der Sperre, gruesste auch vertraulich den barfuessigen Weissbart, der ihm die Staette bereitet, das braune Schattentuch ausgespannt, die Moebel der Huette hinaus auf die Plattform gerueckt hatte, und liess sich nieder. Drei Stunden oder vier waren dann sein, in denen die Sonne zur Hoehe stieg und furchtbare Macht gewann, in denen das Meer tiefer und tiefer blaute und in denen er Tadzio sehen durfte.

Er sah ihn kommen, von links, am Rande des Meeres daher, sah ihn von rueckwaerts zwischen den Huetten hervortreten oder fand auch wohl ploetzlich und nicht ohne ein frohes Erschrecken, dass er sein Kommen versaeumt und dass er schon da war, schon in dem blau und weissen Badeanzug, der jetzt am Strand seine einzige Kleidung war, sein gewohntes Treiben in Sonne und Sand wieder aufgenommen hatte,--dies lieblich nichtige, muessig unstete Leben, das Spiel war und Ruhe, ein Schlendern, Waten, Graben, Haschen, Lagern und Schwimmen, bewacht, berufen von den Frauen auf der Plattform, die mit Kopfstimmen seinen Namen ertoenen liessen: "Tadziu! Tadziu!" und zu denen er mit eifrigem Gebaerdenspiel gelaufen kam, ihnen zu erzaehlen, was er erlebt, ihnen zu zeigen, was er gefunden, gefangen: Muscheln, Seepferdchen, Quallen und seitlich laufende Krebse. Aschenbach verstand nicht ein Wort von dem, was er sagte, und mochte es das Alltaeglichste sein, es war verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben Rede zur Musik, eine uebermuetige Sonne goss verschwenderischen Glanz ueber ihn aus, und die erhabene Tiefsicht des Meeres war immer seiner Erscheinung Folie und Hintergrund.

Bald kannte der Betrachtende jede Linie und Pose dieses so gehobenen, so frei sich darstellenden Koerpers, begruesste freudig jede schon vertraute Schoenheit aufs Neue und fand der Bewunderung, der zarten Sinneslust kein Ende. Man rief den Knaben, einen Gast zu begruessen, der den Frauen bei der Huette aufwartete; er lief herbei, lief nass vielleicht aus der Flut, er warf die Locken, und indem er die Hand reichte, auf einem Beine ruhend, den anderen Fuss auf die Zehenspitzen gestellt, hatte er eine reizende Drehung und Wendung des Koerpers, anmutig spannungsvoll, verschaemt aus Liebenswuerdigkeit, gefallsuechtig aus adeliger Pflicht. Er lag ausgestreckt, das Badetuch um die Brust geschlungen, den zart gemeisselten Arm in den Sand gestuetzt, das Kinn in der hohlen Hand; der, welcher "Jaschu" gerufen wurde, sass kauernd bei ihm und tat ihm schoen, und nichts konnte bezaubernder sein, als das Laecheln der Augen und Lippen, mit dem der Ausgezeichnete zu dem Geringeren, Dienenden aufblickte. Er stand am Rande der See, allein, abseits von den Seinen, ganz nahe bei Aschenbach,--aufrecht, die Haende im Nacken verschlungen, langsam sich auf den Fussballen schaukelnd, und traeumte ins Blaue, waehrend kleine Wellen, die anliefen, seine Zehen badeten. Sein honigfarbenes Haar schmiegte sich in Ringeln an die Schlaefen und in den Nacken, die Sonne erleuchtete den Flaum des oberen Rueckgrates, die feine Zeichnung der Rippen, das Gleichmass der Brust traten durch die knappe Umhuellung des Rumpfes hervor, seine Achselhoehlen waren noch glatt wie bei einer Statue, seine Kniekehlen glaenzten, und ihr blaeuliches Geaeder liess seinen Koerper wie aus klarerem Stoffe gebildet erscheinen. Welch eine Zucht, welche Praezision des Gedankens war ausgedrueckt in diesem gestreckten und jugendlich vollkommenen Leibe! Der strenge und reine Wille jedoch, der, dunkel taetig, dies goettliche Bildwerk ans Licht zu treiben vermocht hatte,--war er nicht ihm, dem Kuenstler, bekannt und vertraut? Wirkte er nicht auch in ihm, wenn er, besonnener Leidenschaft voll, aus der Marmormasse der Sprache die schlanke Form befreite, die er im Geiste geschaut und die er als Standbild und Spiegel geistiger Schoenheit den Menschen darstellte?

Standbild und Spiegel! Seine Augen umfassten die edle Gestalt dort am Rande des Blauen, und in aufschwaermendem Entzuecken glaubte er mit diesem Blick das Schoene selbst zu begreifen, die Form als Gottesgedanken, die eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt und von der ein menschliches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold zur Anbetung aufgerichtet war. Das war der Rausch; und unbedenklich, ja gierig, hiess der alternde Kuenstler ihn willkommen. Sein Geist kreiste, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedaechtnis warf uralte, seiner Jugend ueberlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer belebte Gedanken auf. Stand nicht geschrieben, dass die Sonne unsere Aufmerksamkeit von den intellektuellen auf die sinnlichen Dinge wendet? Sie betaeube und bezaubere, hiess es, Verstand und Gedaechtnis, dergestalt, dass die Seele vor Vergnuegen ihres eigentlichen Zustandes ganz vergesse und mit staunender Bewunderung an dem schoensten der besonnten Gegenstaende haengen bleibe: ja, nur mit Huelfe eines Koerpers vermoege sie dann noch zu hoeherer Betrachtung sich zu erheben. Amor fuerwahr tat es den Mathematikern gleich, die unfaehigen Kindern greifbare Bilder der reinen Formen vorzeigen: So auch bediente der Gott sich, um uns das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt und Farbe menschlicher Jugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit allem Abglanz der Schoenheit schmueckte und bei deren Anblick wir dann wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten.

So dachte der Enthusiasmierte; so vermochte er zu empfinden. Und aus Meerrausch und Sonnenglast spann sich ihm ein reizendes Bild. Es war die alte Platane unfern den Mauern Athens,--war jener heilig-schattige, vom Dufte der Kirschbaumblueten erfuellte Ort, den Weihbilder und fromme Gaben schmueckten zu Ehren der Nymphen und des Acheloos. Ganz klar fiel der Bach zu Fuessen des breitgeaesteten Baums ueber glatte Kiesel; die Grillen geigten. Auf dem Rasen aber, der sanft abfiel, so, dass man im Liegen den Kopf hoch halten konnte, lagerten Zwei, geborgen hier vor der Glut des Tages: ein Aeltlicher und ein Junger, ein Haesslicher und ein Schoener, der Weise beim Liebenswuerdigen. Und unter Artigkeiten und geistreich werbenden Scherzen belehrte Sokrates den Phaidros ueber Sehnsucht und Tugend. Er sprach ihm von dem heissen Erschrecken, das der Fuehlende leidet, wenn sein Auge ein Gleichnis der ewigen Schoenheit erblickt; sprach ihm von den Begierden des Weihelosen und Schlechten, der die Schoenheit nicht denken kann, wenn er ihr Abbild sieht, und der Ehrfurcht nicht faehig ist; sprach von der heiligen Angst, die den Edlen befaellt, wenn ein gottgleiches Antlitz, ein vollkommener Leib ihm erscheint, er dann aufbebt und ausser sich ist und hinzusehen sich kaum getraut und den verehrt, der die Schoenheit hat, ja, ihm opfern wuerde, wie einer Bildsaeule, wenn er nicht fuerchten muesste, den Menschen naerrisch zu scheinen. Denn die Schoenheit, mein Phaidros, nur sie, ist liebenswuerdig und sichtbar zugleich: sie ist, merke das wohl! die einzige Form des Geistigen, welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen koennen. Oder was wuerde aus uns, wenn das Goettliche sonst, wenn Vernunft und Tugend und Wahrheit uns sinnlich erscheinen wollten? Wuerden wir nicht vergehen und verbrennen vor Liebe, wie Semele einstmals vor Zeus? So ist die Schoenheit der Weg des Fuehlenden zum Geiste,--nur der Weg, ein Mittel nur, kleiner Phaidros… Und dann sprach er das Feinste aus, der verschlagene Hofmacher: Dies, dass der Liebende goettlicher sei, als der Geliebte, weil in jenem der Gott sei nicht aber im andern,--diesen zaertlichsten, spoettischsten Gedanken vielleicht, der jemals gedacht ward, und dem alle Schalkheit und heimlichste Wollust der Sehnsucht entspringt. Glueck des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz Gefuehl, ist das Gefuehl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Solch ein pulsender Gedanke, solch genaues Gefuehl gehoerte und gehorchte dem Einsamen damals: naemlich, dass die Natur vor Wonne erschaure, wenn der Geist sich huldigend vor der Schoenheit neige. Er wuenschte ploetzlich, zu schreiben. Zwar liebt Eros, heisst es, den Muessiggang, und fuer solchen nur ist er geschaffen. Aber an diesem Punkte der Krisis war die Erregung des Heimgesuchten auf Produktion gerichtet. Fast gleichgueltig der Anlass. Eine Frage, eine Anregung, ueber ein gewisses grosses und brennendes Problem der Kultur und des Geschmackes sich bekennend vernehmen zu lassen, war in die geistige Welt ergangen und bei dem Verreisten eingelaufen. Der Gegenstand war ihm gelaeufig, war ihm Erlebnis; sein Geluest, ihn im Licht seines Wortes erglaenzen zu lassen, auf einmal unwiderstehlich. Und zwar ging sein Verlangen dahin, in Tadzios Gegenwart zu arbeiten, beim Schreiben den Wuchs des Knaben zum Muster zu nehmen, seinen Stil den Linien dieses Koerpers folgen zu lassen, der ihm goettlich schien, und seine Schoenheit ins Geistige zu tragen, wie der Adler einst den troischen Hirten zum Aether trug. Nie hatte er die Lust des Wortes suesser empfunden, nie so gewusst, dass Eros im Worte sei, wie waehrend der gefaehrlich koestlichen Stunden, in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios Schoenheit seine kleine Abhandlung,--jene anderthalb Seiten erlesener Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefuehlsspannung binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte. Es ist sicher gut, dass die Welt nur das schoene Werk, nicht auch seine Urspruenge, nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der Quellen, aus denen dem Kuenstler Eingebung floss, wuerde sie oftmals verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen aufheben. Sonderbare Stunden! Sonderbar entnervende Muehe! Seltsam zeugender Verkehr des Geistes mit einem Koerper! Als Aschenbach seine Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fuehlte er sich erschoepft, ja zerruettet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer Ausschweifung Klage fuehre.

Es war am folgenden Morgen, dass er, im Begriff das Hotel zu verlassen, von der Freitreppe aus gewahrte, wie Tadzio, schon unterwegs zum Meere--und zwar allein,--sich eben der Strandsperre naeherte. Der Wunsch, der einfache Gedanke, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem, der ihm unwissentlich so viel Erhebung und Bewegung bereitet, leichte, heitere Bekanntschaft zu machen, ihn anzureden, sich seiner Antwort, seines Blickes zu erfreuen, lag nahe und draengte sich auf. Der Schoene ging schlendernd, er war einzuholen, und Aschenbach beschleunigte seine Schritte. Er erreicht ihn auf dem Brettersteig hinter den Huetten, er will ihm die Hand aufs Haupt, auf die Schulter legen und irgend ein Wort, eine freundliche franzoesische Phrase schwebt ihm auf den Lippen: da fuehlt er, dass sein Herz, vielleicht auch vom schnellen Gang, wie ein Hammer schlaegt, dass er, so knapp bei Atem, nur gepresst und bebend wird sprechen koennen; er zoegert, er sucht sich zu beherrschen, er fuerchtet ploetzlich, schon zu lange dicht hinter dem Schoenen zu gehen, fuerchtet sein Aufmerksamwerden, sein fragendes Umschauen, nimmt noch einen Anlauf, versagt, verzichtet und geht gesenkten Hauptes vorueber.

Zu spaet! dachte er in diesem Augenblick. Zu spaet! Jedoch war es zu spaet? Dieser Schritt, den zu tun er versaeumte, er haette sehr moeglicherweise zum Guten, Leichten und Frohen, zu heilsamer Ernuechterung gefuehrt. Allein es war wohl an dem, dass der Alternde die Ernuechterung nicht wollte, dass der Rausch ihm zu teuer war. Wer entraetselt Wesen und Gepraege des Kuenstlertums! Wer begreift die tiefe Instinktverschmelzung von Zucht und Zuegellosigkeit, worin es beruht! Denn heilsame Ernuechterung nicht wollen zu koennen, ist Zuegellosigkeit. Aschenbach war zur Selbstkritik nicht mehr aufgelegt; der Geschmack, die geistige Verfassung seiner Jahre, Selbstachtung, Reife und spaete Einfachheit machten ihn nicht geneigt, Beweggruende zu zergliedern und zu entscheiden, ob er aus Gewissen, ob aus Liederlichkeit und Schwaeche sein Vorhaben nicht ausgefuehrt habe. Er war verwirrt, er fuerchtete, dass irgend jemand, wenn auch der Strandwaechter nur, seinen Lauf, seine Niederlage beobachtet haben moechte, fuerchtete sehr die Laecherlichkeit. Im uebrigen scherzte er bei sich selbst ueber seine komisch-heilige Angst. "Bestuerzt", dachte er, "bestuerzt wie ein Hahn, der angstvoll seine Fluegel im Kampfe haengen laesst. Das ist wahrlich der Gott, der beim Anblick des Liebenswuerdigen so unseren Mut bricht und unsern stolzen Sinn so gaenzlich zu Boden drueckt…" Er spielte, schwaermte und war viel zu hochmuetig, um ein Gefuehl zu fuerchten.

Schon ueberwachte er nicht mehr den Ablauf der Mussezeit, die er sich selber gewaehrt; der Gedanke an Heimkehr beruehrte ihn nicht einmal. Er hatte sich reichlich Geld verschrieben. Seine Besorgnis galt einzig der moeglichen Abreise der polnischen Familie; doch hatte er unter der Hand, durch beilaeufige Erkundigung beim Coiffeur des Hotels, erfahren, dass diese Herrschaften ganz kurz vor seiner eigenen Ankunft hier abgestiegen seien. Die Sonne braeunte ihm Antlitz und Haende, der erregende Salzhauch staerkte ihn zum Gefuehl, und wie er sonst jede Erquickung, die Schlaf, Nahrung oder Natur ihm gespendet, sogleich an ein Werk zu verausgaben gewohnt war, so liess er nun alles, was Sonne, Musse und Meerluft ihm an taeglicher Kraeftigung zufuehrten, hochherzig-unwirtschaftlich aufgehen in Rausch und Empfindung.

Sein Schlaf war fluechtig; die koestlich einfoermigen Tage waren getrennt durch kurze Naechte voll gluecklicher Unruhe. Zwar zog er sich zeitig zurueck, denn um neun Uhr, wenn Tadzio vom Schauplatz verschwunden war, schien der Tag ihm beendet. Aber ums erste Morgengrauen weckte ihn ein zart durchdringendes Erschrecken, sein Herz erinnerte sich seines Abenteuers, es litt ihn nicht mehr in den Kissen, er erhob sich, und leicht eingehuellt gegen die Schauer der Fruehe setzte er sich ans offene Fenster, den Aufgang der Sonne zu erwarten. Das wundervolle Ereignis erfuellte seine vom Schlafe geweihte Seele mit Andacht. Noch lagen Himmel, Erde und Meer in geisterhaft glasiger Daemmerblaesse; noch schwamm ein vergehender Stern im Wesenlosen. Aber ein Wehen kam, eine beschwingte Kunde von unnahbaren Wohnplaetzen, dass Eos sich von der Seite des Gatten erhebe, und jenes erste, suesse Erroeten der fernsten Himmels-und Meeresstriche geschah, durch welches das Sinnlichwerden der Schoepfung sich anzeigt. Die Goettin nahte, die Juenglingsentfuehrerin, die den Kleitos, den Kephalos raubte und dem Neide aller Olympischen trotzend die Liebe des schoenen Orion genoss. Ein Rosenstreuen begann da am Rande der Welt, ein unsaeglich holdes Scheinen und Bluehen, kindliche Wolken, verklaert, durchleuchtet, schwebten gleich dienenden Amoretten im rosigen, blaeulichen Duft, Purpur fiel auf das Meer, das ihn wallend vorwaerts zu schwemmen schien, goldene Speere zuckten von unten zur Hoehe des Himmels hinauf, der Glanz ward zum Brande, lautlos, mit goettlicher Uebergewalt waelzten sich Glut und Brunst und lodernde Flammen herauf, und mit raffenden Hufen stiegen des Bruders heilige Renner ueber den Erdkreis empor. Angestrahlt von der Pracht des Gottes sass der Einsam-Wache, er schloss die Augen und liess von der Glorie seine Lider kuessen. Ehemalige Gefuehle, fruehe, koestliche Drangsale des Herzens, die im strengen Dienst seines Lebens erstorben waren und nun so sonderbar gewandelt zurueckkehrten,--er erkannte sie mit verwirrtem, verwundertem Laecheln. Er sann, er traeumte, langsam bildeten seine Lippen einen Namen, und noch immer laechelnd, mit aufwaerts gekehrtem Antlitz, die Haende im Schoesse gefaltet, entschlummerte er in seinem Sessel noch einmal.

Aber der Tag, der so feurig-festlich begann, war im ganzen seltsam gehoben und mythisch verwandelt. Woher kam und stammte der Hauch, der auf einmal so sanft und bedeutend, hoeherer Einfluesterung gleich, Schlaefe und Ohr umspielte? Weisse Federwoelkchen standen in verbreiteten Scharen am Himmel, gleich weidenden Herden der Goetter. Staerkerer Wind erhob sich, und die Rosse Poseidons liefen, sich baeumend, daher, Stiere auch wohl, dem Blaeulichgelockten gehoerig, welche mit Bruellen anrennend die Hoerner senkten. Zwischen dem Felsengeroell des entfernteren Strandes jedoch huepften die Wellen empor als springende Ziegen. Eine heilig entstellte Welt voll panischen Lebens schloss den Berueckten ein, und sein Herz traeumte zarte Fabeln. Mehrmals, wenn hinter Venedig die Sonne sank, sass er auf einer Bank im Park, um Tadzio zuzuschauen, der sich, weiss gekleidet und farbig geguertet, auf dem gewalzten Kiesplatz mit Ballspiel vergnuegte, und Hyakinthos war es, den er zu sehen glaubte, und der sterben musste, weil zwei Goetter ihn liebten. Ja, er empfand Zephyrs schmerzenden Neid auf den Nebenbuhler, der des Orakels, des Bogens und der Kithara vergass, um immer mit dem Schoenen zu spielen; er sah die Wurfscheibe, von grausamer Eifersucht gelenkt, das liebliche Haupt treffen, er empfing, erblassend auch er, den geknickten Leib, und die Blume, dem suessen Blute entsprossen, trug die Inschrift seiner unendlichen Klage…

Seltsamer, heikler ist nichts als das Verhaeltnis von Menschen, die sich nur mit den Augen kennen,--die taeglich, ja stuendlich einander begegnen, beobachten und dabei den Schein gleichgueltiger Fremdheit grusslos und wortlos aufrecht zu halten durch Sittenzwang oder eigene Grille genoetigt sind. Zwischen ihnen ist Unruhe und ueberreizte Neugier, die Hysterie eines unbefriedigten, unnatuerlich unterdrueckten Erkenntnis-und Austauschbeduerfnisses und namentlich auch eine Art von gespannter Achtung. Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, so lange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis.

Irgend eine Beziehung und Bekanntschaft musste sich notwendig ausbilden zwischen Aschenbach und dem jungen Tadzio, und mit durchdringender Freude konnte der Aeltere feststellen, dass Teilnahme und Aufmerksamkeit nicht voellig unerwidert blieben. Was bewog zum Beispiel den Schoenen, niemals mehr, wenn er morgens am Strande erschien, den Brettersteg an der Rueckseite der Huetten zu benuetzen, sondern nur noch auf dem vorderen Wege, durch den Sand, an Aschenbachs Wohnplatz vorbei und manchmal unnoetig dicht an ihm vorbei, seinen Tisch, seinen Stuhl fast streifend, zur Huette der Seinen zu schlendern? Wirkte so die Anziehung, die Faszination eines ueberlegenen Gefuehls auf seinen zarten und gedankenlosen Gegenstand? Aschenbach erwartete taeglich Tadzios Auftreten, und zuweilen tat er, als sei er beschaeftigt, wenn es sich vollzog, und liess den Schoenen scheinbar unbeachtet voruebergehen. Zuweilen aber auch blickte er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie waren beide tief ernst, wenn das geschah. In der gebildeten und wuerdevollen Miene des Aelteren verriet nichts eine innere Bewegung; aber in Tadzios Augen war ein Forschen, ein nachdenkliches Fragen, in seinen Gang kam ein Zoegern, er blickte zu Boden, er blickte lieblich wieder auf, und wenn er vorueber war, so schien ein Etwas in seiner Haltung auszudruecken, dass nur Erziehung ihn hinderte, sich umzuwenden.

Einmal jedoch, eines Abends, begab es sich anders. Die polnischen Geschwister hatten nebst ihrer Gouvernante bei der Hauptmahlzeit im grossen Saale gefehlt,--mit Besorgnis hatte Aschenbach es wahrgenommen. Er erging sich nach Tische, sehr unruhig ueber ihren Verbleib, in Abendanzug und Strohhut vor dem Hotel, zu Fuessen der Terrasse, als er ploetzlich die nonnenaehnlichen Schwestern mit der Erzieherin und vier Schritte hinter ihnen Tadzio im Lichte der Bogenlampen auftauchen sah. Offenbar kamen sie von der Dampferbruecke, nachdem sie aus irgendeinem Grunde in der Stadt gespeist. Auf dem Wasser war es wohl kuehl gewesen; Tadzio trug eine dunkelblaue Seemanns-Ueberjacke mit goldenen Knoepfen und auf dem Kopf eine zugehoerige Muetze. Sonne und Seeluft verbrannten ihn nicht, seine Hautfarbe war marmorhaft gelblich geblieben wie zu Beginn; doch schien er blaesser heute als sonst, sei es infolge der Kuehle oder durch den bleichenden Mondschein der Lampen. Seine ebenmaessigen Brauen zeichneten sich schaerfer ab, seine Augen dunkelten tief. Er war schoener, als es sich sagen laesst, und Aschenbach empfand wie schon oftmals mit Schmerzen, dass das Wort die sinnliche Schoenheit nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag.

Er war der teuren Erscheinung nicht gewaertig gewesen, sie kam unverhofft, er hatte nicht Zeit gehabt, seine Miene zu Ruhe und Wuerde zu befestigen. Freude, Ueberraschung, Bewunderung mochten sich offen darin malen, als sein Blick dem des Vermissten begegnete,--und in dieser Sekunde geschah es, dass Tadzio laechelte: ihn anlaechelte, sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich im Laecheln erst langsam oeffneten. Es war das Laecheln des Narziss, der sich ueber das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte, hingezogene Laecheln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen Schoenheit die Arme streckt,--ein ganz wenig verzerrtes Laecheln, verzerrt von der Aussichtslosigkeit seines Trachtens, die holden Lippen seines Schattens zu kuessen, kokett, neugierig und leise gequaelt, betoert und betoerend.

Der, welcher dies Laecheln empfangen, enteilte damit wie mit einem verhaengnisvollen Geschenk. Er war so sehr erschuettert, dass er das Licht der Terrasse, des Vorgartens, zu fliehen gezwungen war und mit hastigen Schritten das Dunkel des rueckwaertigen Parkes suchte. Sonderbar entruestete und zaertliche Vermahnungen entrangen sich ihm: "Du darfst so nicht laecheln! Hoere, man darf so niemandem laecheln!" Er warf sich auf eine Bank, er atmete ausser sich den naechtlichen Duft der Pflanzen. Und zurueckgelehnt, mit haengenden Armen, ueberwaeltigt und mehrfach von Schauern ueberlaufen, fluesterte er die stehende Formel der Sehnsucht,--unmoeglich hier, absurd, verworfen, laecherlich und heilig doch, ehrwuerdig auch hier noch: "Ich liebe dich!"

Fuenftes Kapitel

In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von Aschenbach einige die Aussenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen. Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz seines Gasthofes eher ab-als zunaehme, und, insbesondere, als ob die deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so dass bei Tisch und am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. Eines Tages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt haeufig besuchte, im Gespraeche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer deutschen Familie erwaehnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist war und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: "Sie bleiben, mein Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Uebel." Aschenbach sah ihn an. "Dem Uebel?" wiederholte er. Der Schwaetzer verstummte, tat beschaeftigt, ueberhoerte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklaerte er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit abzulenken.

Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und schwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, den polnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin den Weg zur Dampferbruecke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgott nicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er ploetzlich in der Luft ein eigentuemliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewusstsein zu dringen, seinen Sinn beruehrt,--einen suesslich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden und verdaechtige Reinlichkeit erinnerte. Er pruefte und erkannte ihn nachdenklich, beendete seinen Imbiss und verliess den Platz auf der dem Tempel gegenueberliegenden Seite. In der Enge verstaerkte sich der Geruch. An den Strassenecken hafteten gedruckte Anschlaege, durch welche die Bevoelkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems, die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genusse von Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanaele stadtvaeterlich gewarnt wurde. Die beschoenigende Natur des Erlasses war deutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Bruecken und Plaetzen beisammen; und der Fremde stand spuerend und gruebelnd unter ihnen.

Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnueren und falschen Amethyst-Geschmeiden in der Tuere seines Gewoelbes lehnte, bat er um Auskunft ueber den fatalen Geruch. Der Mann mass ihn mit schweren Augen und ermunterte sich hastig. "Eine vorbeugende Massregel, mein Herr!" antwortete er mit Gebaerdenspiel. "Eine Verfuegung der Polizei, die man billigen muss. Diese Witterung drueckt, der Scirocco ist der Gesundheit nicht zutraeglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht uebertriebene Vorsicht…" Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem Dampfer, der ihn zum Lido zuruecktrug, spuerte er jetzt den Geruch des keimbekaempfenden Mittels.

Ins Hotel zurueckgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zum Zeitungstisch und hielt in den Blaettern Umschau. Er fand in den fremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Geruechte, fuehrten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder und bezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklaerte sich der Abzug des deutschen und oesterreichischen Elementes. Die Angehoerigen der uebrigen Nationen wussten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nicht beunruhigt. "Man soll schweigen!" dachte Aschenbach erregt, indem er die Journale auf den Tisch zurueckwarf. "Man soll das verschweigen!" Aber zugleich fuellte sein Herz sich mit Genugtuung ueber das Abenteuer, in welches die Aussenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist, wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags nicht gemaess, und jede Lockerung des buergerlichen Gefueges, jede Verwirrung und Heimsuchung der Welt muss ihr willkommen sein, weil sie ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfand Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit ueber die obrigkeitlich bemaentelten Vorgaenge in den schmutzigen Gaesschen Venedigs,--dieses schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Denn der Verliebte besorgte nichts, als dass Tadzio abreisen koennte und erkannte nicht ohne Entsetzen, dass er nicht mehr zu leben wissen werde, wenn das geschaehe.

Neuerdings begnuegte er sich nicht damit, Naehe und Anblick des Schoenen der Tagesregel und dem Gluecke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte ihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am Strande; er erriet, dass sie die Messe in San Marco besuchten, er eilte dorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Daemmerung des Heiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, ueber ein Betpult

gebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, auf
zerklueftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden,
kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht des
morgenlaendischen Tempels lastete ueppig auf seinen Sinnen. V

orn wandelte, hantierte und sang der schwergeschmueckte Priester, Weihrauch quoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flaemmchen der Altarkerzen, und in den dumpfsuessen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen: der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sah Aschenbach, wie der Schoene dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte und ihn erblickte.

Wenn dann die Menge durch die geoeffneten Portale hinausstroemte auf den leuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betoerte in der Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sah die Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich auf zeremonioese Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sich heimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, dass der Schoene, die kloesterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durch das Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem er sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgte ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig.

Er musste stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, musste in Garkuechen und Hoefe fluechten, um die Umkehrenden vorueber zu lassen; er verlor sie, suchte erhitzt und erschoepft nach ihnen ueber Bruecken und in schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten toedlicher Pein, wenn er sie ploetzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen moeglich war, sich entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, dass er litt. Haupt und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen des Daemons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Wuerde unter seine Fuesse zu treten.

Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, und Aschenbach, den, waehrend sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnen verborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestossen, ein Gleiches. Er sprach hastig und gedaempft, wenn er den Ruderer, unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jener Gondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffaellig in einigem Abstand zu folgen; und es ueberrieselte ihn, wenn der Mensch, mit der spitzbuebischen Erboetigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselben Tone versicherte, dass er bedient, dass er gewissenhaft bedient werden solle.

So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt, der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur die Passion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fuehlte er Kummer und Unruhe. Aber sein Fuehrer, als sei er in solchen Auftraegen wohl geuebt, wusste ihm stets durch schlaue Manoever, durch rasche Querfahrten und Abkuerzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen. Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch den Dunst, der den Himmel schieferig faerbte. Wasser schlug glucksend gegen Holz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gruss, ward fernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer Uebereinkunft beantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Gaerten hingen Bluetendolden, weiss und purpurn, nach Mandeln duftend, ueber morsches Gemaeuer. Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trueben ab. Die Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, darauf kauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte das Weisse der Augen, als sei er blind, ein Altertumshaendler, vor seiner Spelunke, lud den Vorueberziehenden mit kriecherischen Gebaerden zum Aufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betruegen. Das war Venedig, die schmeichlerische und verdaechtige Schoene,--diese Stadt, halb Maerchen, halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klaenge eingab, die wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als traenke sein Auge dergleichen Ueppigkeit, als wuerde sein Ohr von solchen Melodien umworben; er erinnerte sich auch, dass die Stadt krank sei und es aus Gewinnsucht verheimliche, und er spaehte ungezuegelter aus nach der voranschwebenden Gondel.

So wusste und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als den Gegenstand, der ihn entzuendete, ohne Unterlass zu verfolgen, von ihm zu traeumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden, seinem blossen Schattenbild zaertliche Worte zu geben. Einsamkeit, Fremde und das Glueck eines spaeten und tiefen Rausches ermutigten und ueberredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Erroeten durchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, dass er, spaet abends von Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des Schoenen Zimmertuer Halt gemacht, seine Stirn in voelliger Trunkenheit an die Angel der Tuer gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennen vermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertappt und betroffen zu werden.

Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halben Besinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestuerzung. Auf welchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natuerliche Verdienste ein aristokratisches Interesse fuer seine Abstammung einfloessen, war er gewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahren zu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrer notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auch jetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffen in so exotischen Ausschweifungen des Gefuehls; gedachte der haltungsvollen Strenge, der anstaendigen Maennlichkeit ihres Wesens und laechelte schwermuetig. Was wuerden sie sagen? Aber freilich, was haetten sie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zur Entartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, ueber das er selbst einst, im Buergersinne der Vaeter, so spoettische Juenglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren im Grunde so aehnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich in harter Zucht geuebt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich manchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender Kampf, fuer welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der Selbstueberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und enthaltsames Leben, das er zum Sinnbild fuer einen zarten und zeitgemaessen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es maennlich, durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros, der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weise besonders gemaess und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Voelkern vorzueglich in Ansehen gestanden, ja, hiess es nicht, dass er durch Tapferkeit in ihren Staedten geblueht habe? Zahlreiche Kriegshelden der Vorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigung galt, die der Gott verhaengte, und Taten, die als Merkmale der Feigheit waeren gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen waeren: Fussfaelle, Schwuere, instaendige Bitten und sklavisches Wesen, solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntete vielmehr noch Lob dafuer.

So war des Betoerten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu stuetzen, seine Wuerde zu wahren. Aber zugleich wandte er bestaendig eine spuerende und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgaengen im Innern Venedigs zu, jenem Abenteuer der Aussenwelt, das mit dem seines Herzens dunkel zusammenfloss und seine Leidenschaft mit unbestimmten, gesetzlosen Hoffnungen naehrte. Versessen darauf, Neues und Sicheres ueber Stand oder Fortschritt des Uebels zu erfahren, durchstoeberte er in den Kaffeehaeusern der Stadt die heimatlichen Blaetter, da sie vom Lesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren. Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl der Erkrankungs-, der Todesfaelle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja hundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf voellig vereinzelte, von aussen eingeschleppte Faelle zurueckgefuehrt. Warnende Bedenken, Proteste gegen das gefaehrliche Spiel der welschen Behoerden waren eingestreut. Gewissheit war nicht zu erlangen.

Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewusst, an dem Geheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er eine bizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfaenglichen Fragen anzugehen und sie, die zum Schweigen verbuendet waren, zur ausdruecklichen Luege zu noetigen. Eines Tages beim Fruehstueck im grossen Speisesaal stellte er so den Geschaeftsfuehrer zur Rede, jenen kleinen, leise auftretenden Menschen im franzoesischen Gehrock, der sich gruessend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auch an Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warum man denn eigentlich, fragte der Gast in laessiger und beilaeufiger Weise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedig desinfiziere?--"Es handelt sich", antwortete der Schleicher, "um eine Massnahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzutraeglichkeiten oder Stoerungen der oeffentlichen Gesundheit, welche durch die bruetende und ausnehmend warme Witterung erzeugt werden moechten, pflichtgemaess und beizeiten hintanzuhalten."--"Die Polizei ist zu loben", erwiderte Aschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungen empfahl sich der Manager.

Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, dass eine kleine Bande von Strassensaengern aus der Stadt sich im Vorgarten des Gasthofes hoeren liess. Sie standen, zwei Maenner und zwei Weiber, an dem eisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weissbeschienenen Gesichter zur grossen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich bei Kaffee und kuehlenden Getraenken die volkstuemliche Darbietung gefallen liess. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office, zeigte sich lauschend an den Tueren zur Halle. Die russische Familie, eifrig und genau im Genuss, hatte sich Rohrstuehle in den Garten hinabstellen lassen, um den Ausuebenden naeher zu sein, und sass dort dankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigem Kopftuch, stand ihre alte Sklavin.

Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige waren unter den Haenden der Bettelvirtuosen in Taetigkeit. Mit instrumentalen Durchfuehrungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das juengere der Weiber, scharf und quaekend von Stimme, sich mit dem suess falsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat. Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sich unzweideutig der andere der Maenner, Inhaber der Guitarre und im Charakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimisch begabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals loeste er sich, sein grosses Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen los und drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleien mit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihrem Parterre, zeigten sich entzueckt ueber soviel suedliche Beweglichkeit und ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aus sich heraus zu gehen.

Aschenbach sass an der Balustrade und kuehlte zuweilen die Lippen mit einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klaenge, die vulgaeren und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft laehmt den waehlerischen Sinn und laesst sich allen Ernstes mit Reizen ein, welche die Nuechternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen wuerde. Seine Zuege waren durch die Spruenge des Gauklers zu einem fix gewordenen und schon schmerzenden Laecheln verrenkt. Er sass laessig da, waehrend eine aeusserste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechs Schritte von ihm lehnte Tadzio am Steingelaender.

Er stand dort in dem weissen Guertelanzug, den er zuweilen zur Hauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie, den linken Unterarm auf der Bruestung, die Fuesse gekreuzt, die rechte Hand in der tragenden Huefte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaum ein Laecheln, nur eine entfernte Neugier, ein hoefliches Entgegennehmen war, zu den Baenkelsaengern hinab. Manchmal richtete er sich gerade auf und zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schoenen Bewegung beider Arme den weissen Kittel durch den Lederguertel hinunter. Manchmal aber auch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumeln seiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zoegernd und behutsam oder auch rasch und ploetzlich, als gelte es eine Ueberrumpelung, den Kopf ueber die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Er fand nicht dessen Augen, denn eine schmaehliche Besorgnis zwang den Verwirrten, seine Blicke aengstlich im Zaum zu halten. Im Grund der Terrasse sassen die Frauen, die Tadzio behueteten, und es war dahin gekommen, dass der Verliebte fuerchten musste, auffaellig geworden und beargwoehnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte er mehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco, zu bemerken gehabt, dass man Tadzio aus seiner Naehe zurueckrief, ihn von ihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung daraus entnehmen muessen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen wand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte.

Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solo begonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierenden Gassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mit Gesang und saemtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eine plastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wusste. Schmaechtig gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er, abgetrennt von den Seinen, den schaebigen Filz im Nacken, so dass ein Wulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einer Haltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollern der Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Spaesse zur Terrasse empor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seiner Stirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehr von der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhaelter, halb Komoediant, brutal und verwegen, gefaehrlich und unterhaltend. Sein Lied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde, durch sein Mienenspiel, seine Koerperbewegungen, seine Art, andeutend zu blinzeln und die Zunge schluepfrig im Mundwinkel spielen zu lassen, etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstoessiges. Dem weichen Kragen des Sporthemdes, das er zu uebrigens staedtischer Kleidung trug, entwuchs sein hagerer Hals mit auffallend gross und nackt wirkendem Adamsapfel. Sein bleiches, stumpfnaesiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zuegen schwer auf sein Alter zu schliessen war, schien durchpfluegt von Grimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seines beweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch, fast wild zwischen seinen roetlichen Brauen standen. Was jedoch des Einsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war die Bemerkung, dass die verdaechtige Figur auch ihre eigene verdaechtige Atmosphaere mit sich zu fuehren schien. Jedesmal naemlich, wenn der Refrain wieder einsetzte, unternahm der Saenger unter Faxen und gruessendem Handschuetteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorueberfuehrte, und jedesmal, wenn das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Koerper ausgehend, ein Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.

Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei den Russen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufen herauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demuetig zeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfuessen schlich er zwischen den Tischen umher, und ein Laecheln tueckischer Unterwuerfigkeit entbloesste seine starken Zaehne, waehrend doch immer noch die beiden Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte das fremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier und einigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Muenzen in seinen Filz und huetete sich, ihn zu beruehren. Die Aufhebung der physischen Distanz zwischen dem Komoedianten und den Anstaendigen erzeugt, und war das Vergnuegen noch so gross, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fuehlte sie und suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zu Aschenbach und mit ihm der Geruch, ueber den niemand ringsum sich Gedanken zu machen schien.

"Hoere!" sagte der Einsame gedaempft und fast mechanisch. "Man desinfiziert Venedig. Warum?"--Der Spassmacher antwortete heiser: "Von wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze und bei Scirocco. Der Scirocco drueckt. Er ist der Gesundheit nicht zutraeglich…" Er sprach wie verwundert darueber, dass man dergleichen fragen koenne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr der Scirocco druecke.--"Es ist also kein Uebel in Venedig?" fragte Aschenbach sehr leise und zwischen den Zaehnen.--Die muskuloesen Zuege des Possenreissers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. "Ein Uebel? Aber was fuer ein Uebel? Ist der Scirocco ein Uebel? Ist vielleicht unsere Polizei ein Uebel? Sie belieben zu scherzen! Ein Uebel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Massregel, verstehen Sie doch! Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drueckenden Witterung…" Er gestikulierte.--"Es ist gut", sagte Aschenbach wiederum kurz und leise und liess rasch ein ungebuehrlich bedeutendes Geldstueck in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit den Augen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Buecklingen; aber er hatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sich auf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in ein gefluestertes Kreuzverhoer nahmen. Er zuckte die Achseln, er gab Beteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es. Entlassen, kehrte er in den Garten zurueck, und, nach einer kurzen Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einem Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor.

Es war ein Lied, das jemals gehoert zu haben der Einsame sich nicht erinnerte; ein dreister Schlager in unverstaendlichem Dialekt und ausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmaessig aus vollem Halse einfiel. Es hoerten hierbei sowohl die Worte wie auch die Begleitung der Instrumente auf, und nichts blieb uebrig als ein rhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natuerlich behandeltes Lachen, das namentlich der Solist mit grossem Talent zu taeuschendster Lebendigkeit zu gestalten wusste. Er hatte bei wiederhergestelltem kuenstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganze Frechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschaemt zur Terrasse emporgesandt, war Hohngelaechter. Schon gegen das Ende des artikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichen Kitzel zu kaempfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er presste die Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenen Augenblick brach, heulte und platzte das unbaendige Lachen aus ihm hervor, mit solcher Wahrheit, dass es ansteckend wirkte und sich den Zuhoerern mitteilte, dass auch auf der Terrasse eine gegenstandslose und nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber eben schien des Saengers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie, er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sich ausschuetten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Finger hinauf, als gaebe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaft dort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf der Veranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Tueren.

Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er sass aufgerichtet wie zum Versuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelaechter, der heraufwehende Hospitalgeruch und die Naehe des Schoenen verwoben sich ihm zu einem Traumbann, der unzerreissbar und unentrinnbar sein Haupt, seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung und Zerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinueberzublicken, und indem er es tat, durfte er bemerken, dass der Schoene, in Erwiderung seines Blickes ebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nach der des Anderen und als vermoege die allgemeine Stimmung nichts ueber ihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolle Folgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, Ueberwaeltigendes, dass der Grauhaarige sich mit Muehe enthielt, sein Gesicht in den Haenden zu verbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadzios gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eine Beklemmung der Brust. "Er ist kraenklich, er wird wahrscheinlich nicht alt werden", dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine Fuersorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfuellte sein Herz.

Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifall begleitete sie, und ihr Anfuehrer versaeumte nicht, noch seinen Abgang mit Spassen auszuschmuecken. Seine Kratzfuesse, seine Kusshaende wurden belacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon draussen waren, tat er noch, als renne er rueckwaerts empfindlich gegen einen Lampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dort endlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab, richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gaesten auf der Terrasse frech die Zunge heraus und schluepfte ins Dunkel. Die Badegesellschaft verlor sich; Tadzio stand laengst nicht mehr an der Balustrade. Aber der Einsame sass noch lange, zum Befremden der Kellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetraenkes an seinem Tischchen. Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vor vielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechliche und bedeutende Geraetchen auf einmal wieder, als stuende es vor ihm. Lautlos und fein rann der rostrot gefaerbte Sand durch die glaeserne Enge, und da er in der oberen Hoehlung zur Neige ging, hatte sich dort ein kleiner, reissender Strudel gebildet.

Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuen Schritt zur Versuchung der Aussenwelt und diesmal mit allem moeglichen Erfolge. Er trat naemlich vom Markusplatz in das dort gelegene englische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geld gewechselt, richtete er mit der Miene des misstrauischen Fremden an den ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wollig gekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahe bei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalitaet des Wesens, die im spitzbuebisch behenden Sueden so fremd, so merkwuerdig anmutet. Er fing an: "Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Massregel ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden haeufig getroffen, um gesundheitsschaedlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco vorzubeugen…" Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er dem Blicke des Fremden, einem mueden und etwas traurigen Blick, der mit leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da erroetete der Englaender. "Dies ist", fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort, "die amtliche Erklaerung, auf der zu bestehen man hier fuer gut befindet. Ich werde Ihnen sagen, dass noch etwas anderes dahinter steckt." Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprache die Wahrheit.

Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstaerkte Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus den warmen Moraesten des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem mephitischen Odem jener ueppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen Urwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert, hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewoehnlich heftig gewuetet, hatte oestlich nach China, westlich nach Afghanistan und Persien uebergegriffen und, den Hauptstrassen des Karawanenverkehrs folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen. Aber waehrend Europa zitterte, das Gespenst moechte von dort aus und zu Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern uebers Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhaefen aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrien und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den ausgemergelten, schwaerzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und einer Gruenwarenhaendlerin. Die Faelle wurden verheimlicht. Aber nach einer Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreissig und zwar in verschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der oesterreichischen Provinz, der sich zu seinem Vergnuegen einige Tage in Venedig aufgehalten, starb, in sein Heimatstaedtchen zurueckgekehrt, unter unzweideutigen Anzeichen, und so kam es, dass die ersten Geruechte von der Heimsuchung der Lagunenstadt in deutsche Tagesblaetter gelangten. Venedigs Obrigkeit liess antworten, dass die Gesundheitsverhaeltnisse der Stadt nie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Massregeln zur Bekaempfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden. Gemuese, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, frass das Sterben in der Enge der Gaesschen um sich, und die vorzeitig eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanaele laulich erwaermte, war der Verbreitung besonders guenstig. Ja, es schien, als ob die Seuche eine Neubelebung ihrer Kraefte erfahren, als ob die Tenazitaet und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt haette. Faelle der Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenen starben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das Uebel trat mit aeusserster Wildheit auf und zeigte haeufig jene gefaehrlichste Form, welche "die trockene" benannt ist. Hierbei vermochte der Koerper das aus den Blutgefaessen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmal auszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke und erstickte am pechartig zaehe gewordenen Blut unter Kraempfen und heiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruch nach leichtem Uebelbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte, aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni fuellten sich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in den beiden Waisenhaeusern begann es an Platz zu mangeln, und ein schauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuen Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vor allgemeiner Schaedigung, die Ruecksicht auf die kuerzlich eroeffnete Gemaeldeausstellung in den oeffentlichen Gaerten, auf die gewaltigen Ausfaelle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels, die Geschaefte, das ganze vielfaeltige Fremdengewerbe bedroht waren, zeigte sich maechtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor internationalen Abmachungen; sie vermochte die Behoerde, ihre Politik des Verschweigens und des Ableugnens hartnaeckig aufrecht zu erhalten. Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, war entruestet von seinem Posten zurueckgetreten und unter der Hand durch eine gefuegigere Persoenlichkeit ersetzt worden. Das Volk wusste das; und die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit, dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte, brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eine Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich in Unmaessigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalitaet bekundete. Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; boesartiges Gesindel machte, so hiess es, nachts die Strassen unsicher; raeuberische Anfaelle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimal hatte sich erwiesen, dass angeblich der Seuche zum Opfer gefallene Personen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus dem Leben geraeumt worden waren; und die gewerbsmaessige Liederlichkeit nahm aufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nicht bekannt und nur im Sueden des Landes und im Orient zu Hause gewesen waren.

Von diesen Dingen sprach der Englaender das Entscheidende aus. "Sie taeten gut", schloss er, "lieber heute als morgen zu reisen. Laenger, als ein paar Tage noch, kann die Verhaengung der Sperre kaum auf sich warten lassen."--"Danke Ihnen", sagte Aschenbach und verliess das Amt.

Der Platz lag in sonnenloser Schwuele. Unwissende Fremde sassen vor den Cafes oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahen zu, wie die Tiere, wimmelnd, fluegelschlagend, einander verdraengend, nach den in hohlen Haenden dargebotenen Maiskoernern pickten. In fiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einen Geschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauen im Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf und nieder. Er erwog eine reinigende und anstaendige Handlung. Er konnte heute Abend nach dem Diner der perlengeschmueckten Frau sich naehern und zu ihr sprechen, was er woertlich entwarf: "Gestatten Sie dem Fremden, Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die der Eigennutz Ihnen vorenthaelt. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio und Ihren Toechtern! Venedig ist verseucht." Er konnte dann dem Werkzeug einer hoehnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sich wegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fuehlte zugleich, dass er unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zu wollen. Er wuerde ihn zurueckfuehren, wuerde ihn sich selber wiedergeben; aber wer ausser sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich zu gehen. Er erinnerte sich eines weissen Bauwerks, geschmueckt mit abendlich gleissenden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik das Auge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamen Wandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifende Juenglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedanke an Heimkehr, an Besonnenheit, Nuechternheit, Muehsal und Meisterschaft, widerte ihn in solchem Masse, dass sein Gesicht sich zum Ausdruck physischer Uebelkeit verzerrte. "Man soll schweigen!" fluesterte er heftig. Und: "Ich werde schweigen!" Das Bewusstsein seiner Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen Weines ein muedes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten und verwahrlosten Stadt, wuest seinem Geiste vorschwebend, entzuendete in ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft ueberschreitend, und von ungeheuerlicher Suessigkeit. Was war ihm das zarte Glueck, von dem er vorhin einen Augenblick getraeumt, verglichen mit diesen Erwartungen? Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenueber den Vorteilen des Chaos? Er schwieg und blieb.

In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traum ein koerperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar im tiefsten Schlaf und in voelligster Unabhaengigkeit und sinnlicher Gegenwart widerfuhr, aber ohne dass er sich ausser den Geschehnissen im Raume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehr seine Seele selbst, und sie brachen von aussen herein, seinen Widerstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewalttaetig niederwerfend, gingen hindurch und liessen seine Existenz, liessen die Kultur seines Lebens verheert, vernichtet zurueck.

Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach dem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten; denn weither naeherte sich Getuemmel, Getoese, ein Gemisch von Laerm: Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu und ein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt und grauenhaft suess uebertoent von tief girrendem, ruchlos beharrlichen Floetenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweide bezauberte. Aber er wusste ein Wort, dunkel, doch das benennend was kam: "Der fremde Gott!" Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er Bergland, aehnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht, von bewaldeter Hoehe, zwischen Staemmen und moosigen Felstruemmern waelzte es sich und stuerzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine tobende Rotte, und ueberschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen, Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd ueber zu lange Fellgewaender, die ihnen vom Guertel hingen, schuettelten Schellentrommeln ueber ihren stoehnend zurueckgeworfenen Haeuptern, schwangen stiebende Fackelbraende und nackte Dolche, hielten zuengelnde Schlangen in der Mitte des Leibes erfasst oder trugen schreiend ihre Brueste in beiden Haenden. Maenner, Hoerner ueber den Stirnen, mit Pelzwerk geschuerzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme und Schenkel, liessen eherne Becken erdroehnen und schlugen wuetend auf Pauken, waehrend glatte Knaben mit umlaubten Staeben Boecke stachelten, an deren Hoerner sie sich klammerten und von deren Spruengen sie sich jauchzend schleifen liessen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, suess und wild zugleich, wie kein jemals erhoerter: hier klang er auf, in die Luefte geroehrt, wie von Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wuestem Triumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder und liess ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte der tiefe, lockende Floetenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebend Erlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unmass des aeussersten Opfers? Gross war sein Abscheu, gross seine Furcht, redlich sein Wille, bis zuletzt das Seine zu schuetzen gegen den Fremden, den Feind des gefassten und wuerdigen Geistes. Aber der Laerm, das Geheul, vervielfacht von hallender Bergwand, wuchs, nahm Ueberhand, schwoll zu hinreissendem Wahnsinn. Duenste bedraengten den Sinn, der beizende Ruch der Boecke, Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern, dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufender Krankheit. Mit den Paukenschlaegen droehnte sein Herz, sein Gehirn kreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betaeubende Wollust, und seine Seele begehrte, sich anzuschliessen dem Reigen des Gottes. Das obszoene Symbol, riesig, aus Holz, ward enthuellt und erhoeht: da heulten sie zuegelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten einander mit geilen Gebaerden und buhlenden Haenden, lachend und aechzend,--stiessen die Stachelstaebe einander ins Fleisch und leckten das Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Traeumende nun und dem fremden Gotte gehoerig. Ja, sie waren er selbst, als sie reissend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen verschlangen, als auf zerwuehltem Moosgrund grenzenlose Vermischung begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und Raserei des Unterganges.

Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchte entnervt, zerruettet und kraftlos dem Daemon verfallen. Er scheute nicht mehr die beobachtenden Blicke der Menschen; ob er sich ihrem Verdacht aussetze, kuemmerte ihn nicht. Auch flohen sie ja, reisten ab; zahlreiche Strandhuetten standen leer, die Besetzung des Speisesaals wies groessere Luecken auf, und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden. Die Wahrheit schien durchgesickert, die Panik, trotz zaehen Zusammenhaltens der Interessenten, nicht laenger hintanzuhalten. Aber die Frau im Perlenschmuck blieb mit den Ihren, sei es, weil die Geruechte nicht zu ihr drangen, oder weil sie zu stolz und furchtlos war, um ihnen zu weichen: Tadzio blieb; und jenem, in seiner Umfangenheit, war es zuweilen, als koenne Flucht und Tod alles stoerende Leben in der Runde entfernen und er allein mit dem Schoenen auf dieser Insel zurueckbleiben,--ja, wenn vormittags am Meere sein Blick schwer, unverantwortlich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn er bei sinkendem Tage durch Gassen, in denen verheimlichterweise das ekle Sterben umging, ihm unwuerdig nachfolgte, so schien das Ungeheuerliche ihm aussichtsreich und hinfaellig das Sittengesetz.

Wie irgend ein Liebender wuenschte er, zu gefallen und empfand bittere Angst, dass es nicht moeglich sein moechte. Er fuegte seinem Anzuege jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und benutzte Parfuems, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit fuer seine Toilette und kam geschmueckt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts der suessen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib, der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszuege stuerzte ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich koerperlich zu erquicken und wiederherzustellen; er besuchte haeufig den Coiffeur des Hauses.

Im Frisiermantel, unter den pflegenden Haenden des Schwaetzers im Stuhle zurueckgelehnt, betrachtete er gequaelten Blickes sein Spiegelbild.

"Grau", sagte er mit verzerrtem Munde.

"Ein wenig", antwortete der Mensch. "Naemlich durch Schuld einer kleinen Vernachlaessigung, einer Indifferenz in aeusserlichen Dingen, die bei bedeutenden Personen begreiflich ist, die man aber doch nicht unbedingt loben kann und zwar umso weniger, als gerade solchen Personen Vorurteile in Sachen des Natuerlichen oder Kuenstlichen wenig angemessen sind. Wuerde sich die Sittenstrenge gewisser Leute gegenueber der kosmetischen Kunst logischerweise auch auf ihre Zaehne erstrecken, so wuerden sie nicht wenig Anstoss erregen. Schliesslich sind wir so alt, wie unser Geist, unser Herz sich fuehlen, und graues Haar bedeutet unter Umstaenden eine wirklichere Unwahrheit, als die verschmaehte Korrektur bedeuten wuerde. In Ihrem Falle, mein Herr, hat man ein Recht auf seine natuerliche Haarfarbe. Sie erlauben mir, Ihnen die Ihrige einfach zurueckzugeben?"

"Wie das?" fragte Aschenbach.

Da wusch der Beredte das Haar des Gastes mit zweierlei Wasser, einem klaren und einem dunklen, und es war schwarz wie in jungen Jahren. Er bog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen, trat rueckwaerts und musterte das behandelte Haupt.

"Es waere nun nur noch", sagte er, "die Gesichtshaut ein wenig aufzufrischen."

Und wie jemand, der nicht enden, sich nicht genug tun kann, ging er mit immer neu belebter Geschaeftigkeit von einer Hantierung zur anderen ueber. Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht faehig, hoffnungsvoll erregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sich entschiedener und ebenmaessiger woelben, den Schnitt seiner Augen sich verlaengern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich heben, sah weiter unten, wo die Haut braeunlich-ledern gewesen, weich aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die Runzeln der Augen unter Creme und Jugendhauch verschwinden,--erblickte mit Herzklopfen einen bluehenden Juengling. Der Kosmetiker gab sich endlich zufrieden, indem er nach Art solcher Leute dem, den er bedient hatte, mit kriechender Hoeflichkeit dankte. "Eine unbedeutende Nachhilfe", sagte er, indem er eine letzte Hand an Aschenbachs Aeusseres legte. "Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben." Der Berueckte ging, traumgluecklich, verwirrt und furchtsam. Seine Krawatte war rot, sein breitschattender Strohhut mit einem mehrfarbigen Bande umwunden.

Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und spaerlich, aber die Luft war feucht, dick und von Faeulnisduensten erfuellt. Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehoer, und dem unter der Schminke Fiebernden schienen Windgeister ueblen Geschlechts im Raume ihr Wesen zu treiben, unholdes Gevoegel des Meeres, das des Verurteilten Mahl zerwuehlt, zernagt und mit Unrat schaendet. Denn die Schwuele wehrte der Esslust, und die Vorstellung draengte sich auf, dass die Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien.

Auf den Spuren des Schoenen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags in das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem Ortssinn, da die Gaesschen, Gewaesser, Bruecken und Plaetzchen des Labyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nicht mehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgte Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmaehlicher Behutsamkeit genoetigt, an Mauern gedrueckt, hinter dem Ruecken Vorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Muedigkeit, der Erschoepfung bewusst, welche Gefuehl und immerwaehrende Spannung seinem Koerper, seinem Geiste zugefuegt hatten. Tadzio ging hinter den Seinen, er liess der Pflegerin und den nonnenaehnlichen Schwestern in der Enge gewoehnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte er zuweilen das Haupt, um sich ueber die Schulter hinweg der Gefolgschaft seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentuemlich daemmergrauen Augen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauscht von dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwaerts gelockt, am Narrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seiner unziemlichen Hoffnung nach--und sah sich schliesslich dennoch um ihren Anblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewoelbte Bruecke ueberschritten, die Hoehe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, und seinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschte nach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten den schmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung, Hinfaelligkeit noetigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen.

Sein Kopf brannte, sein Koerper war mit klebrigem Schweiss bedeckt, sein Genick zitterte, ein nicht mehr ertraeglicher Durst peinigte ihn, er sah sich nach irgendwelcher, nach augenblicklicher Labung um. Vor einem kleinen Gemueseladen kaufte er einige Fruechte, Erdbeeren, ueberreife und weiche Ware und ass im Gehen davon. Ein kleiner Platz, verlassen, verwunschen anmutend, oeffnete sich vor ihm, er erkannte ihn, es war hier gewesen, wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplan gefasst hatte. Auf den Stufen der Zisterne, inmitten des Ortes, liess er sich niedersinken und lehnte den Kopf an das steinerne Rund. Es war still, Gras wuchs zwischen dem Pflaster. Abfaelle lagen umher. Unter den verwitterten, unregelmaessig hohen Haeusern in der Runde erschien eines palastartig, mit Spitzbogenfenstern, hinter denen die Leere wohnte, und kleinen Loewenbalkonen. Im Erdgeschoss eines anderen befand sich eine Apotheke. Warme Windstoesse brachten zuweilen Karbolgeruch.

Er sass dort, der Meister, der wuerdig gewordene Kuenstler, der Autor des "Elenden", der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der trueben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekuendigt und das Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Ueberwinder seines Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des Massenzutrauens sich gewoehnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden angehalten wurden,--er sass dort, seine Lider waren geschlossen, nur zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spoettischer und betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen, kosmetisch aufgehoeht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.

"Denn die Schoenheit, Phaidros, merke das wohl! nur die Schoenheit ist goettlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also des Sinnlichen Weg, ist, kleiner Phaidros, der Weg des Kuenstlers zum Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, dass derjenige jemals Weisheit und wahre Manneswuerde gewinnen koenne, fuer den der Weg zum Geistigen durch die Sinne fuehrt? Oder glaubst du vielmehr (ich stelle dir die Entscheidung frei), dass dies ein gefaehrlich-lieblicher Weg sei, wahrhaft ein Irr-und Suendenweg, der mit Notwendigkeit in die Irre leitet? Denn du musst wissen, dass wir Dichter den Weg der Schoenheit nicht gehen koennen, ohne dass Eros sich zugesellt und sich zum Fuehrer aufwirft; ja, moegen wir auch Helden auf unsere Art und zuechtige Kriegsleute sein, so sind wir wie Weiber, denn Leidenschaft ist unsere Erhebung, und unsere Sehnsucht muss Liebe bleiben,--das ist unsere Lust und unsere Schande. Siehst du nun wohl, dass wir Dichter nicht weise noch wuerdig sein koennen? Dass wir notwendig in die Irre gehen, notwendig liederlich und Abenteurer des Gefuehles bleiben? Die Meisterhaltung unseres Styls ist Luege und Narrentum, unser Ruhm und Ehrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menge zu uns hoechst laecherlich, Volks-und Jugenderziehung durch die Kunst ein gewagtes, zu verbietendes Unternehmen. Denn wie sollte wohl der zum Erzieher taugen, dem eine unverbesserliche und natuerliche Richtung zum Abgrunde eingeboren ist? Wir moechten ihn wohl verleugnen und Wuerde gewinnen, aber wie wir uns auch wenden moegen, er zieht uns an. So sagen wir etwa der aufloesenden Erkenntnis ab, denn die Erkenntnis, Phaidros, hat keine Wuerde und Strenge: sie ist wissend, verstehend, verzeihend, ohne Haltung und Form; sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der Abgrund. Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit, und fortan gilt unser Trachten einzig der Schoenheit, das will sagen der Einfachheit, Groesse und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit und der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, fuehren zum Rausch und zur Begierde, fuehren den Edlen vielleicht zu grauenhaftem Gefuehlsfrevel, den seine eigene schoene Strenge als infam verwirft, fuehren zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich, fuehren sie dahin, denn wir vermoegen nicht, uns aufzuschwingen, wir vermoegen nur auszuschweifen. Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe du hier; und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du."

   *       *       *       *       *

Einige Tage spaeter verliess Gustav von Aschenbach, da er sich leidend fuehlte, das Baeder-Hotel zu spaeterer Morgenstunde als gewoehnlich. Er hatte mit gewissen, nur halb koerperlichen Schwindelanfaellen zu kaempfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeit begleitet waren, einem Gefuehl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit, von dem nicht klar wurde, ob es sich auf die aeussere Welt oder auf seine eigene Existenz bezog. In der Halle bemerkte er eine grosse Menge zum Transport bereitliegenden Gepaecks, fragte einen Tuerhueter, wer es sei, der reise, und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen, dessen er insgeheim gewaertig gewesen war. Er empfing ihn, ohne dass seine verfallenen Gesichtszuege sich veraendert haetten, mit jener kurzen Hebung des Kopfes, mit der man etwas, was man nicht zu wissen brauchte, beilaeufig zur Kenntnis nimmt, und fragte noch: "Wann?" Man antwortete ihm: "Nach dem Lunch." Er nickte und ging zum Meere.

Es war unwirtlich dort. Ueber das weite, flache Gewaesser, das den Strand von der ersten gestreckten Sandbank trennte, liefen kraeuselnde Schauer von vorn nach hinten. Herbstlichkeit, Ueberlebtheit schien ueber dem einst so farbig belebten, nun fast verlassenen Lustorte zu liegen, dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde. Ein photographischer Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen Stativ am Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darueber gebreitet, flatterte klatschend im kaelteren Winde.

Tadzio, mit drei oder vier Gespielen, die ihm geblieben waren, bewegte sich zur Rechten vor der Huette der Seinen, und, eine Decke ueber den Knieen, etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der Strandhuetten in seinem Liegestuhl ruhend, sah Aschenbach ihm noch einmal zu. Das Spiel, das unbeaufsichtigt war, denn die Frauen mochten mit Reisevorbereitungen beschaeftigt sein, schien regellos und artete aus. Jener Staemmige, im Guertelanzug und mit schwarzem, pomadisiertem Haar, der "Jaschu" gerufen wurde, durch einen Sandwurf ins Gesicht gereizt und geblendet, zwang Tadzio zum Ringkampf, der rasch mit dem Fall des schwaecheren Schoenen endete. Aber als ob in der Abschiedsstunde das dienende Gefuehl des Geringeren sich in grausame Roheit verkehre und fuer eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte, liess der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab, sondern drueckte, auf seinem Ruecken knieend, dessen Gesicht so anhaltend in den Sand, dass Tadzio, ohnedies vom Kampf ausser Atem, zu ersticken drohte. Seine Versuche, den Lastenden abzuschuetteln, waren krampfhaft, sie unterblieben auf Augenblicke ganz und wiederholten sich nur noch als ein Zucken. Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen, als der Gewalttaetige endlich sein Opfer freigab. Tadzio, sehr bleich, richtete sich zur Haelfte auf und sass, auf einen Arm gestuetzt, mehrere Minuten lang unbeweglich, mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen. Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam. Man rief ihn, anfaenglich munter, dann baenglich und bittend; er hoerte nicht. Der Schwarze, den Reue ueber seine Ausschreitung sogleich erfasst haben mochte, holte ihn ein und suchte ihn zu versoehnen. Eine Schulterbewegung wies ihn zurueck. Tadzio ging schraeg hinunter zum Wasser. Er war barfuss und trug seinen gestreiften Leinenanzug mit roter Schleife.

Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes mit einer Fussspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend, und ging dann in die seichte Vorsee, die an ihrer tiefsten Stelle noch nicht seine Knie benetzte, durchschritt sie, laessig vordringend, und gelangte zur Sandbank. Dort stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weite zugekehrt, und begann hierauf, die lange und schmale Strecke entbloessten Grundes nach links hin langsam abzuschreiten. Vom Festlande geschieden durch breite Wasser, geschieden von den Genossen durch stolze Laune, wandelte er, eine hoechst abgesonderte und verbindungslose Erscheinung, mit flatterndem Haar dort draussen im Meere, im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen. Abermals blieb er zur Ausschau stehen. Und ploetzlich, wie unter einer Erinnerung, einem Impuls, wandte er den Oberkoerper, eine Hand in der Huefte, in schoener Drehung aus seiner Grundpositur und blickte ueber die Schulter zum Ufer. Der Schauende dort sass wie er einst gesessen, als zuerst, von jener Schwelle zurueckgesandt, dieser daemmergraue Blick dem seinen begegnet war. Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der Bewegung des draussen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so dass seine Augen von unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen Ausdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleiche und liebliche Psychagog dort draussen ihm laechle, ihm winke; als ob er, die Hand aus der Huefte loesend, hinausdeute, voranschwebe ins Verheissungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu folgen.

Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschuetterte Welt die Nachricht von seinem Tode.

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1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY – You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance with this agreement, and any volunteers associated with the production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm’s goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64–6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596–1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation’s web site and official page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations (

 
 
 

5,000) are particularly important to maintaining tax ex

empt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed (zipped), HTML and others.

Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over the old filename and etext number. The replaced older file is renamed. VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving new filenames and etext numbers.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

 http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000, are filed in directories based on their release date. If you want to download any of these eBooks directly, rather than using the regular search system you may utilize the following addresses and just download by the etext year.

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EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are filed in a different way. The year of a release date is no longer part of the directory path. The path is based on the etext number (which is identical to the filename). The path to the file is made up of single digits corresponding to all but the last digit in the filename. For example an eBook of filename 10234 would be found at:

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